titel
verlagsprogramm

info | kontakt
biblio
inhalt



Wer sollte hier geschnitzt haben?

In einem langgestreckten Seitenkabinett des Foyers der Staatlichen Kunsthalle in Baden-Baden liegt ein gewaltiger Ikarus. Fast fünf Meter mißt er von den uns zugekehrten Fußsohlen bis zum Scheitel. An den Armen hängen noch Reste seines Fluggestells: dürre Äste, die mit Seilen an die Glieder gebunden worden sind und mit Federn beklebt waren. Einige hängen noch lose herab, doch es verwundert nicht, daß diese künstlichen Schwingen den Koloß nicht haben halten können. Aus schwerem Gußeisen ist der Körper geformt, aus Bronze das zerfetzte Gestell.
»Ikarus« ist eine Plastik, die Stephan Balkenhol eigens für diese Ausstellung geschaffen hat. Seit einigen Jahren ist er dem von ihm bevorzugten Holz bisweilen untreu geworden, besonders bei Großfiguren. Sein bronzener Giraffenreiter vor dem Tierpark Hagenbeck in Hamburg ist siebeneinhalb Meter hoch, seine Brunnenfigur »Mann mit Fisch«, die aus dem gleichen Material für Chicago geformt wurde, immerhin dreieinhalb. Doch im Gegensatz zu diesen beiden monumentalplastischen Vorläufern ist der Ikarus unbemalt geblieben, und das dunkle Metall läßt die Schwere, mit der es ihn auf die Erde schleuderte, genauso spürbar werden, wie Balkenhols formale Entscheidung, nicht den kunstgeschichtlich gängigen Sturz darzustellen, sondern den zerschmetterten Mann. So reiht sich das neueste Werk des in Karlsruhe lehrenden Bildhauers doch in dessen Werktradition ein: Zitiert werden darf die Kunstgeschichte, doch dabei genießt das Medium gegenüber der Form Vorrang.
Berühmt geworden ist Balkenhol durch seine Wiederbelebung der gegenständlichen Holzskulptur, die er seit 1982 zum Zentrum seines Schaffens gemacht hat. Hier liegt natürlich auch der Schwerpunkt dieser umfangreichsten Retrospektive, die ihm bislang gewidmet wurde. So bekannt sein Stil aber auch ist, sowenig wird meist beachtet, daß Balkenhol in Konstellationen denkt. Es ist kein Zufall, daß es zahlreiche Skulpturengruppen in seinem Werk gibt – die »57 Pinguine« etwa, mit denen er 1992 in Frankfurt Aufsehen und Begeisterung beim Publikum erregte, oder die zwei Zyklen der »Tanzenden« von 1996 und 1999 –, die hier in einem hinreißend vom Künstler selbst inszenierten Raum beide noch einmal fast vollständig versammelt sind. Und auch die scheinbare Monotonie seiner Motivwahl und die für moderne Bildhauerei ganz untypische statuarische Stoik seiner Menschen und Tiere betonen einen Überrest serieller Denkweise, die ihre Grenze allerdings im jeweils individuell gestalteten Motiv findet.
Von Gesten oder gar Persönlichkeiten kann man bei Balkenhols Skulpturen zwar nicht reden. Wohl aber von je unterschiedlichen Haltungen und Habitus. Und von Habitat. Allein der diesbezüglichen Vielfalt wegen lohnt der Weg nach Baden-Baden. Man sieht dort einen Künstler neu – auch deswegen, weil die weniger bekannten Aspekte seines Werks hier prominent vertreten sind. Vor zwei Jahren schuf Balkenhol eine Serie von Skulpturen, die er vor Reliefbildern plazierte. So stehen uns nun seine markant bemalten kleinen Männer und Frauen auf ihren hohen Sockeln gegenüber, und hinter ihnen hat Balkenhol abstrakte und geometrische Muster in Paneele eingeschnitzt und farbig gefaßt. Nie war der situative Aspekt seiner Kunst so deutlich wie hier, wo sich aus jeder Perspektive neue Konstellationen ergeben.
Oder seine gleichzeitig entstandenen Reliefbilder von berühmten Bauwerken. In Baden-Baden sind das Kloster Murbach, St. Michael von Brüssel und die Dresdner Hofkirche vertreten. Nebeneinandergehängt repräsentieren die gewaltigen Darstellungen durch ihren bei Postkarten entlehnten Blickwinkel und die dem Monochromen angenäherte Farbpalette eine Strenge, die wieder den neutralen Blick auf die bloße Form des Objekts ermöglicht. Begeistern kann man sich für diese kühle  Ästhetik erst, wenn man an die Bilder tritt und den Weg von Stechbeitel und Schnitzmesser im Holz verfolgt, der wie immer bei Balkenhol nicht kaschiert wird. Da die Architekturen und die sie umgebenden Landschaften in die Oberfläche der Holzplatten eingeschnitzt sind, ist der Himmel plötzlich eine dem eigentlichen Motiv vorgelagerte Ebene. Durch seine illusionistische Malerei kann Balkenhol diesen handwerklichen Mangel, der unsere Perspektive verkehrt, wieder korrigieren – ohne aber den letzten Rest an Irritation zu beseitigen.
Das ist ein ganz anderer Balkenhol als jener, dem man oft Gefälligkeit und fehlende kritische Position vorgehalten hat. In Baden-Baden tritt ein Künstler auf, der sich seiner Mittel bewußt ist und sie bis ins kleinste Detail zu kalkulieren versteht. Er muß einem Fliegenpilz, unter dem einer seiner kleinen Männer sitzt, keine Lamellen unter die Kappe einschnitzen, denn er beläßt einfach dem Holz, das an den Hautpartien des Mannes unbemalt geblieben ist, die natürliche Struktur, und dadurch scheint ein solcher Schatten auf Gesicht und Hände zu fallen, wie er durch leicht geöffnete Lamellen fällt. Wie hier ein Naturphänomen und ein moderner visueller Topos zur Deckung kommen und ein Bild illusionistisch perfektionieren, das weder im einen noch im anderen Element realistisch ist – das ist ein Kunstgriff im besten ästhetischen Sinne.  

(Andreas Platthaus, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.7.2006)



Who’s been carving here, then?

In an elongated gallery of the foyer in the Staatlichen Kunsthalle in Baden-Baden, a magnificent Icarus lies prostrate. He measures about five metres from the top of his head to the soles of his feet, which are turned towards us. Dangling from his arms are the remains of his flying apparatus: thin branches attached to the limbs with ropes and adorned with feathers. A few of them hang down loosely, but it is hardly surprising that the artificial pinions failed to support this colossus. The body is made from heavy cast iron and the wrecked frame from bronze.
»Icarus« is a sculpture created by Stephan Balkenhol especially for the exhibition. He has been two-timing his first love, wood, for a few years now,  especially with his large-format figures; his bronze giraffe rider in front of the Hagenbeck zoo in Hamburg measures seven and a half metes and his » Man with a Fish« fountain statue in Chicago, also made from bronze, weighs in at a modest three and a half.  However, in contrast to these monumental statuary antecedants, »Icarus« remains unpainted, and the dark metal allows one to feel the enormous weight, which must have dashed him to the earth and likewise informed Balkenhol’s decision to depict the shattered man in preference to the more typically featured fall itself. And thus Balkenhol, who also teaches sculpture at the Academy in Karlsruhe, has devised a new piece, which slots into the tradition of his work: one may allude to art history, but the medium takes precedence over the form.
Balkenhol became famous through his revitalisation of representational sculpture, which he has subsequently made the central focus of his creative work since 1982. Naturally, it forms the main emphasis of this most comprehensive retrospective to date. Despite the fact that his style is so well known, scant regard is paid to his habit of thinking in groups or »constellations«. It is no accident that there are several groups of sculptures in his œuvre—»57 Penguins« for instance, which caused such a furore of excitement amongst the public in Frankfurt, or the two cycles of the »Tanzenden« (Dancers) from 1996 and 1999— which are now almost completely reunited here in a delightful space devised by the artist himself. Both the apparent monotony of his choice of motif and—as far as modern sculpture is concerned—the wholly untypical statuary stoicism of his people and animals, emphasise a residue of serial thought, which finds its boundary in each individually fashioned motif.
One cannot speak of gestures or personalities where Balkenhol’s sculptures are concerned, but rather of different respective demeanours and dispositions. And domiciles. It is worth making the  journey to Baden-Baden for this degree of diversity alone. It is an opportunity to reappraise the artist, see him anew, because the less well known aspects of his work also come to the fore more prominently here. Two years ago Balkenhol made a series of sculptures, which he displayed in front of some reliefs. And so his strikingly painted men and women stand on their pedestals facing us and behind them, Balkenhol has carved abstract and geometric patterns into coloured panels. The situative aspect of art has never been more apparent than here, where new constellations emerges from each and every perspective.
Then there are his reliefs of famous buildings, originated at the same time; the Kloster Murbach, the Cathederal of St. Michael in Brussles,  the  Dresden Hofkirche are all represented here in Baden-Baden. Hung next to one another and by virtue of the almost monochrome palette and picture-postcard camera angles, these powerful representations embody a degree of austerity, which in turn makes neutral perusal of the pure form of an object possible once more. One can appreciate this measured aesthetic only after having taken a step closer and carefully traced the tracks of the chisel and knife in the wood, which are never covered, never concealed in Balkenhol’s work. As the architecture and the surrounding countryside is carved into the surface of the wood, the sky itself suddenly becomes a protruding plane standing proud of the actual motif itself. Balkenhol is able to correct this technical fault by means of his illusionistic painting, reversing our perspective without completely erasing any lingering perplexity in our minds. This is quite a different Balkenhol to the one once lambasted for complacency and absence of a critical standpoint. An artist has taken to the stage here in Baden-Baden, assured in his handing of materials and aware of how to gauge them in the most minute detail. He doesn’t need to carve  gills under the cap of a toadstool beneath which one of his little men is reclining; instead, he leaves the skin sections unpainted so that the wood may display its natural structure and in so doing, allows an apparent shadow to fall on the face and hands as it would through slightly opened gills. The way in which a natural phenomenon and a modern, visual topos can overlap and perfect an illusionistic picture, which is realistic in neither element—well, that is artifice in the truest aesthetic sense of the word.

(Andreas Platthaus, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.7.2006)



Jeans, Kippe, Hammer, Meißel
Man ist unter sich: Stephan Balkenhols kleine, geordnete Welt des Innehaltens in der Kunsthalle Baden-Baden

Was mögen sie nur tanzen? Nichts Schnelles, Rumba vielleicht. Nur ein leichtes Wiegen, vielleicht auch ein Hüftschwung. Sie halten sich eng, damit sie sich nicht verlieren, die Frau starrt in die Ferne, als sei dort das bessere Leben. Tanzstunde. Man ist unter sich. Es ist eine anrührende Gesellschaft, die Stephan Balkenhol in seiner Installation »Tanzende Paare« (1996) zeigt. Höchstens 30 Zentimeter groß sind die aus Wawaholz geschnitzten und farbig gefaßten Figuren – ausgereifte, vollwertige Erwachsene zwar, die aber zu klein scheinen, um dieser Welt standhalten zu können. Man will sie trösten, beschützen, aber diese winzigen Wesen schlagen sich doch wacker, setzen den Wirren der Existenz ihre artigen Tanzschritte entgegen.
Matthias Winzen, der ehemalige Direktor der Kunsthalle Baden-Baden, gibt mit seiner letzten Ausstellung eine Art Bekenntnis ab. Balkenhol ist Professor an der Karlsruher Akademie, seine Skulpturen werden auf dem Kunstmarkt hoch gehandelt, keine Messe, auf der er nicht vertreten wäre. Er hat zahlreiche Aufträge im öffentlichen Raum. Auf eine documenta oder Biennale aber wurde Balkenhol noch nie eingeladen, auch im aktuellen Kunstdiskurs wird er bestenfalls als Randfigur verhandelt. Zu Unrecht, wie Matthias Winzen meint, so daß er nun eine große Werkschau für die Kunsthalle Baden-Baden kuratiert hat.
Bei der Begegnung mit dem Künstler und seinen winzigen oder überdimensionierten Figuren, die er grob aus dem Holz herausmodelliert, versteht man, warum einer wie Balkenhol nicht taugt zum Künstlermythos, wie der Kunstbetrieb ihn erwartet. Er ist ein bodenständiger Handwerker, der sich zwar einen Fuhrpark mit teuren Limousinen leistet, ansonsten aber auf Selbstinszenierung verzichtet. Jeans, Kippe, Hammer, Meißel. Aufgeräumtes Atelier, feste Beziehung. Seine Skulpturen sind nicht provozierend oder radikal: Stephan Balkenhol ist auf der Suche nach dem, was vom Menschen jenseits der Posen und Inszenierungen übrig bleibt, was ihn ausmacht, wenn er alle Rollen und gesellschaftlichen Determinanten abgeschüttelt hat.
Vielleicht aber ist diese Suche eine Illusion: weil Balkenhol mit jeder neuen Figur riskiert, das Nichts zu streifen. Wenn seine Skulpturen belanglos scheinen, so deshalb, weil sie verweigern, sich mit dem zu beschäftigen, was groß und wichtig erscheint. »Wenn ich Geld hätte, würde ich eine Minute Sendepause vor der Tagesschau kaufen«, sagt Balkenhol. Eine Minute, um darüber zu reflektieren, was Mensch sein heißen könnte.
Die »Tanzenden Paare« bilden das Herzstück der Baden-Badener Ausstellung und besitzen in ihrer Reduktion eine ungeheure Intensität und Ausdruckskraft. Die Männer und Frauen mögen ähnlich gekleidet sein, auch das Holz scheint grob bearbeitet, und doch erzählen die Paare mit minimalen Gesten von den vielen Varianten des Miteinanders. Ein Kopf, der auf die Schulter des Mannes sinkt, eine sorgenvolle Stirn, ein Blick am Partner vorbei – Balkenhol zeigt sich hier als scharfer Beobachter, der die Facetten emotionaler Zustände präzise zu formulieren vermag.
Was denkt der Löwe, währed er auf der Löwin reitet? Was bewegt die Männer, die man aus ihren Kontexten herausgerissen hat? Balkenhol fährt Bewegung und Betriebsamkeit auf Null herunter, er bremst die Welt aus, um die Momente des Innehaltens sprechen zu lassen. Wie erstarrt steht der »Mann mit grünem Hemd« (1984), da und doch ist die Präsenz dieses 127 Zentimeter großen Mister Nobodys so stark, daß es fast unheimlich ist. Stumm und beredt zugleich sind die Figuren von Stephan Balkenhol, sie sind in die Welt gestellt, ohne zu wissen, weshalb. Sie sind in sich selbst gekehrt und geben den Blick des Betrachters letztlich an ihn zurück – wir schauen doch nur auf uns selbst.
Nicht immer erzielt Balkenhol diese Intensität, sein Werk balanciert zwischen Dekoration und Tiefsinn. Bei den Zeichnungen schlägt das Pendel mitunter in Richtung Banalität aus, weil hier die haptische Präsenz der Skulpturen fehlt. Bei den plastischen Arbeiten ist diese dagegen of so gewaltig, daß Winzen – zur Enttäuschung einiger Leihgeber – kurzfristig wieder Stücke aus der Ausstellung herausnahm.
Die daher nun recht überschaubare Präsentation dokumentiert dennoch die Varianten des Werks, die Halbreliefs, vollplastischen Arbeiten, die friesartigen Holzschilder und Zeichnungen, aber auch die unbekannten Architekturreliefs: In enormer Fleißarbeit hat Balkenhol die Hofkirche Dresden oder die Kathedrale in Brüssel aus dem Holz herausgeschnitten und simuliert dabei eine zweidimensionale Zeichnung.
Nur die Tiere, die eine große Rolle bei Balkenhol spielen – »Ich mag die weichen Augen von Giraffen« – kommen in der Baden-Badener Ausstellung etwas kurz. Aber sie sind entbehrlich, zumal der Katalog das gesamte Werk ausführlich bilanziert und Balkenhol bei den Tierdarstellungen ohnehin nicht immer die Qualität erreicht, die ihm bei der Auseinandersetzung mit dem Menschen gelingt. Dem Menschen, der so klein sein kann, daß er unter einen Fliegenpilz paßt – oder riesig wie ein Ikarus. Die eigens für Baden-Baden entstandene Bronze mißt fast fünf Meter und stellt den gestürzten Jüngling dar. Ein schwieriges Sujet für einen wie Balkenhol, der doch Dramatik wie Bewegung in seiner Kunst eliminiert. Hier hat er sich in eine Sackgasse manövriert, vom Mythos des Gescheiterten bleibt wenig übrig: ein netter Junge mit hübschem Hintern, der anmutig am Boden liegt, schlafend oder tot, wer weiß.

(Adrienne Braun, Süddeutsche Zeitung, 1.8.2006)



Hölzerner Heroismus
Stephan Balkenhols erste deutsche Werkschau in Baden-Baden

Sie sind Heroen hölzerner Beharrlichkeit. Seit drei Jahrzehnten trotzen Stephan Balkenhols Figuren standhaft Wind und Wetter und den schnellen Brisen des Zeitgeists. Seltsam vertraut und leicht übersehen lehnen sie an Hauswänden oder suchen auf hohen Sockeln im öffentlichen Raum das Weite – dem Betrachter den Spiegel vorhaltend, zugleich fern und anonym, ohne eigentlich stereotyp zu sein. Fraglos stehen sie fürs Alltägliche und suggerieren doch – wie die Statuen Altägyptens – zeitlose Distanz. Diese Ambivalenz macht ihren Reiz aus.
Balkenhol, einer der bestdotierten deutschen Bildhauer und seit 1992 Professor an der Karlsruher Akademie, erscheint von jeher als guter Bekannter. Der Wiedererkennungseffekt seines ironischen Verismus verhindert fast immer den genaueren Blick. Zeit also für eine umfassende Werkschau mit drei Stationen: Baden-Baden, Duisburg, Salzburg.
Während nebenan bei Hubert Burda »Chagall im neuen Licht« die Massen lockt, präsentiert Matthias Winzen in der Kunsthalle Baden-Baden Stephan Balkenhol in »neuer« Vielfalt: Zeichnungen, Reliefs und Skulpturen – große und kleine, vor abstrakten Hintergründen, als Gruppe oder in melancholischer Vereinzelung. Isoliert wirken seine Holzcharaktere immer, auch wenn sie sich – selbst freudlos – im Paartanz drehen. Wie Chiffren der Vergeblichkeit, vom »Ich« zum »Du« und »Wir« zu finden. Und selbst das »Ich« scheint auschtauschbar. Illusionslos stehen sie vor der Welt – und verblüffen durch Illusionismus. Gleichermaßen erleben wir sie als Gattungs-Gegenüber und in ihrer rohen Materialität: Spuren von Klöpfel und Stechbeitel und herausragende Spelze deuten auf ihre Heimat im Holz, aus dem Balkenhol, der Bild-Hauer, sie in klassischer Manier befreit, ohne das Material zu glätten oder zu schönen.
Zu Beginn der achtziger Jahre gehörte er zu denen, die die Figur neu erfanden. Von seinem Lehrer Ulrich Rückriem blieb kaum mehr als der konzeptuelle Gestus. Die abstrakte Plastik habe als Reaktion auf die »gräßliche Denkmalschwemme« in Frankreich und Deutschland »das Kind mit dem Bade ausgeschüttet«, meinte Balkenhol – und fand seine Vorbilder in der Kunstgeschichte: Seine Männer, die auch immer ein wenig ihm selbst ähneln, wiederholen die Gesten der Großen: Michelangelos sterbender Sklave oder Rodins Denker: Als Sockel dient ihnen stets der Klotz aus dem sie stammen.
Zwischen Ernst und Ironie, Mythos und Moderne stehen die drei Herren mit Tierkopfen und die Madonna mit Kind im modisch blauen Kleid. Albern sind sie, bei aller Liebe zum Skurrilen, nie. Vielmehr ist Balkenhols totes Holz immer so etwas wie ein memento mori. Verhaltener Heroismus steckt darin und ein Schmunzeln über die Vermessenheit fester, gar ewiger Stand-Punkte. Zuweilen, bei seinem Negativrelief vom Kölner Dom oder bei manchen Tier-Figuren, überwiegt die handwerkliche Akkuratesse den konzeptuellen Ansatz, versinkt die Ironie in solidem Kunsthandwerk.
Verblüffend schnell entstehen diese Werke, oft an die hundert im Jahr. Und trotzdem kommt Balkenhol Aufträgen kaum noch nach. Vor jeder Hybris ist der bodenständige Hesse indes gefeit. Er, der niemals »erzählen« wollte, hat für die Baden-Badener Retrospektive ein Werk geschaffen, das sein Weltbild auf den Punkt bringt: Da liegt – mitten im Raum – Ikarus. Unglaublich, daß er mit so kargem Federkleid überhaupt den Absprung wagte.

(Stephan Tolksdorf, Die Welt, 22.8.2006)