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Im »Stern« schrieb Frank Nicolaus in der Ausgabe
(Nr. 6, S. 50–63) vom 1. Februar 2007:
Andreas Gursky, 52, ist der Superstar der globalen Fotokunst. Seine
großformatigen Aufnahmen sind die teuersten weltweit – und so begehrt, dass
Sammler und Museen sie ihm aus den Händen reißen. Als Künstler sieht er sich
nicht der Realität verpflichtet, sondern der Botschaft. Seine Bilder montiert
er aus zahlreichen Detailaufnahmen – um so den Ort, den sie zeigen, zur
abstrakten Metapher zu verdichten. Das Haus der Kunst widmet ihm nun eine
grandiose Schau.
Schön: ein kostbarer Perlenvorhang, durch den ein warmes, grünes Licht
schimmert. Doch dann, näher am Bild, offenbart der zweite Blick: Am Saum des
vermeintlichen Vorhangs treiben zwei Gummiboote auf tiefschwarzem Wasser, in
jedem Kahn steht eine Figur, klein wie ein Komma. Monumentales Labor der
Forschung, vereinsamtes, altmodisches Modell Mensch: Das Foto »Kamiokande«
(2007) von Andreas Gursky zeigt ein Neutrino-Observatorium in der japanischen
Stadt Kamioka. In der mit Wasser angefüllten Mine eines ehemaligen Bergwerks
versuchen Tausende »Photo-Augen«, die Bewegung dieser geisterhaften
Elementarteilchen nachzuweisen.
Bunt: Die schier endlos aufgereihten Regale sind mit Süßigkeiten
gefüllt, Höchstpreis 99 Cent. Erst auf den zweiten Blick sind Kunden zu
erkennen, die einsam wie Schiffbrüchige durch das Warenmeer des Discounter
treiben. Schriller Kampf der Produkte und Marken, anonymer Konsument: Das Bild
»99 Cent« (1999) machte den Düsseldorfer Andreas Gursky, 52, zum teuersten
Fotografen der Gegenwart: Im Mai 2006 wurde es bei Sotheby’s in New York für
den Rekordpreis von 2,25 Millionen US-Dollar (umgerechnet rund 1,7 Millionen
Euro) versteigert.
Ob im New Yorker Museum of Modern Art, im Pariser Centre Georges Pompicou
oder in der Londoner Tate Modern: Wo immer die bis zu mehr als sieben
Quadratmeter großen Arbeiten des Andreas Gursky zu sehen sind, herrscht Raunen
und Staunen im Saal. Thomas Weski, 53, der als Chefkurator für das Münchner
Haus der Kunst gerade eine opulente Gursky-Retrospektive einrichtet, weiß es
aus eigener Erfahrung: »Gursky macht Gänsehaut.«
Es ist vor allem eine überraschende neue Seh-Erfahrung, die so
nachhaltig beeindruckt. Der Meister des zweiten Blicks steuert die Wahrnehmung
seiner Bilder durch eine ausgefeilte Choreografie der Dinge und Figuren: »Meine
Bilder sind immer von zwei Seiten komponiert. Sie sind aus extremer Nahsicht
bis ins kleinste Detail lesbar. Aus der Distanz werden sie zu Megazeichen.«
Zu Beginn des neuen Jahrtausends reiste Andreas Gursky nach São Paulo
und fotografierte einen Superlativ aus Stahl, Glas und Beton: den gigantischen,
140 Meter hohen Wohnhauskomplex »Copan«. Auf seinem gleichnamigen Foto wird die
Anlage zum allgemeingültigen Symbol moderner Metropolen. Erst beim näheren
Hinschauen entdeckt der Betrachter, dass es ein Leben gibt hinter der
gerasterten Fassade: Deutlich sind einzelne Bewohner hinter wehenden Vorhängen
zu erkennen.
In vielen Bildern des Fotografen steckt der Mensch nur noch als Detail –
als anonymes Massenteilchen oder als einsamer Statist in den Kulissen der
Globalisierung. Andreas Gursky erzählt keine Geschichten, sondern zeigt
Masterbilder, unter künstlerischen Gesichtspunkten aus vielen Einzelmotiven
zusammengebaut: »Es geht mir um die idealtypische Annäherung an alltägliche
Phänomene – darum, die Essenz von Realität herzustellen. Eigentlich bin ich
immer auf das ultimative Bild aus.« Der große Gursky-Plan: »Ich arbeite an
einer Enzyklopädie des Lebens.«
Ein ehrgeiziges Ziel, für das er regelmäßig Kopf und Kragen riskiert:
Der passionierte Marathonläufer, Ferrari-Fahrer und ehemalige Düsseldorfer
Tennis-Jugendmeister arbeitet oft in schwindelerregender Höhe. Mal lässt er
sich samt Plattenkamera und Stativ von einem Kran in den Himmel heben, mal
schwebt er im Helikopter über seinem Motiv: »Ich gehe auf Distanz, um den
Überblick zu behalten.« Das erzeugt Befremdung – nicht nur beim Betrachter:
»Manchmal habe ich das Gefühl, mit dem Blick eines außerplanetarischen Wesens
durch den Sucher zu schauen.«
Der Fotograf als Besucher von einem anderen Stern. Andreas Gurskys
irdischer Lebenslauf beginnt 1955 in Leipzig: Sein Vater ist, wie schon sein
Großvater, Werbefotograf von Beruf. Einige Monate nach seiner Geburt zieht die
Familie ins Ruhrgebiet. 1978 beginnt Gursky III ein Fotografiestudium an der
renommierten Folkwangschule in Essen. Drei Jahre später wechselt er an die
Staatliche Kunstakademie nach Düsseldorf. Hier wird er Meisterschüler von Bernd
und Hilla Becher. Das einflussreiche Künstlerehepaar, das mit seinen formal
strengen, dokumentarischen Bildern von Zechenanlagen und Fachwerkhäusern die
Fotokunst revolutioniert hat, bereitet etlichen Studenten den Weg zu einer
internationalen Karriere, unter ihnen Candida Höfer, Axel Hütte, Thomas Ruff,
Jörg Sasse und Thomas Struth.
Andreas Gursky startet mit Plattenkamera-Porträts von Pförtnerpaaren.
Ende der 1980er Jahre zeigt er großformatige Architektur- und Landschaftsbilder
auf ersten Ausstellungen. Foto für Foto erobert er sich einen eigenen Themenkreis:
die Vereinsamung des Menschen in der Menge, der Fetischcharakter der modernen
Konsumgesellschaft, unter anderem am Besipiel von endlosen Schuhregalen der
Luxusmarke Prada und breit angelegten Börsenpanoramen; die monströse
Monumentalität von Masseninszenierungen wie Boxkämpfen, Popkonzerten oder
politischen Aufmärschen.
Seit 1992 bedient sich Andreas Gursky der »avancierten Technik«: Er
digitalisiert seine analog aufgenommenen Fotos und bearbeitet sie am Computer.
»Am Anfang waren es nur kleinere Eingriffe, die aus kompositorischen Gründen
vorgenommen wurden. Mittlerweile gibt es komplette Bilderfindungen, die sich
aus vielen einzelnen Details zu einem komplexen Bildganzen zusammenfügen.«
Da Andreas Gursky höchstens zehn Bilder in je sechsfacher Ausfertigung
pro Jahr produziert, konkurrieren Museen und Sammler um jedes neue Werk des
»Enzyklopädisten«. Nur ein kleiner Kreis von Auserwählten kann auf ein Bild des
berühmten Fotokünstlers hoffen. Zu den wenigen Privilegierten gehören Pop-Ikone
Madonna und der Modedesigner Tom Ford.
So viel Erfolg und Beifall. Eigentlich müßte Andreas Gursky ein
glücklicher Mann sein. Seine Bilder lassen davon nichts erahnen – sie zeigen
den Menschen als einsame, in den Ornamenten der Masse aufgehende Kreatur. Auf
seinem Panorama-Tableau »Loveparade« (2001) sind Huderte tanzender Jugendliche
abgebildet. Obwohl »Liebe« auf dem Programm steht, vermeiden die meisten
Paradeteilnehmer intimen Körperkontakt. Angeblich gibt es in der Masse nur ein
einziges Paar, das sich küsst.
Frank Nicolaus on Andreas Gursky, in »Stern« (No. 6, pp. 50–63) 1st February 2007.
Andreas Gursky,
52, is the superstar of global art photography. His large-format
photographs are the most expensive in the world—and coveted to
such an extent that collectors and museums alike wrest them from his
grasp as soon as they are ready. As an artist he doesn’t feel
that he is pledged to reality, but rather to the message instead. He
creates his pictures from a montage of several different detailed
images in order to condense the places they depict into abstract
metaphors. The Haus der Kunst is now devoting a magnificent solo
exhibition to his work.
Awesome: a precious pearl-beaded curtain, through which
a warm, green light shimmers. And yet when you get closer to the image,
a second aspect reveals itself: along the hem of what appeared to be a
curtain are two rubber dinghies floating on the blackest of black
water, in each boat a figure, tiny like a comma. Monumental laboratory
of scientific research versus lone, outmoded model: human
being—Andreas Gursky’s photograph »Kamiokande«
(2007) depicts the neutrino observatory in the Japanese city of
Kamioka. Situated in a cavity in a horizontal mine drift filled with
water, thousands of »photo-eyes« or photomultiplier tubes,
endeavour to observe of the movement of these spectral elementary
particles.
Vibrant colours: row upon seemingly endless row of
shelving stacked high with confectionary, nothing more expensive than
99 cents. The customers are only visible at a second glance, solitary,
drifting like shipwrecked flotsam in the consumer-swell of the discount
store. The loud clash of products and brands versus the anonymous
consumer: the picture »99 Cent« (1999) turned Andreas
Gursky into the planet’s most expensive contemporary
photographer: the picture went for a record $2,250,000 (around
€1,700,000) at auction at Sotheby’s in New York in May of
last year.
Whether in the New York Museum of Modern Art, or the
Centre Georges Pompidou in Paris or the Tate Modern in London: wherever
Andreas Gursky’s monumental works are shown—some of them up
to seven square metres in size—you can guarantee gasps of
amazement in the room. Thomas Weski, who is currently setting up an
opulent Gursky retrospective in his role as head curator at the Munich
Haus der Kunst, knows from his own experience only too well that
»Gursky gives you goosebumps.«
The abiding impression you are left with is, above al,l
a surprisingly new experience of seeing. The master of the second
glance directs one’s perception of his images through a honed
choreography of figures and things: »My pictures are always
composed from two angles. They are legible really close-up, right down
to the last detail. From a distance they become mega-symbols.«
At the start of the new millennium Andreas Gursky
travelled to São Paulo and photographed a superlative structure
made from glass, steel and concrete: the gigantic 140 metre high
apartment complex »Copan«. Through the similarly titled
photograph the building becomes a generic symbol for the modern
metropolis. Only on closer inspection can the viewer detect that there
is life behind this grid-like façade: individual residents can
be spotted behind billowing curtains.
People crop up in many of the photographer’s
images as mere details—as an anonymous mass particle or as a lone
extra against the backdrop of globalization. Andreas Gursky refrains
from narrative depiction, opting to show master pictures instead,
assembled from many single motifs along artistic lines: »I am
interested in an ideal-typical approach to everyday
phenomena—that’s why it’s necessary to represent the
essence of reality. I am actually always on the look out for the
ultimate image.« Gursky’s big scheme: »I am working
on an encyclopaedia of life.«
An ambitious goal to be sure, but one for which he is
regularly prepared to risk everything. The passionate marathon runner,
Ferrari driver and former Düsseldorf youth tennis champion often
works at vertiginous heights. Sometimes he has himself hoisted aloft by
a crane along with his view camera and tripod, on other occasions he
will hover in a helicopter above his motif: »I approach things
from a distance in order to retain an overview.« This creates a
certain consternation in the viewer’s perceptions . »I
sometimes feel as though I am looking through the viewfinder with the
eye of an extraterrestrial.«
The photographer as a visitor from another planet.
Andreas Gursky’s terrestrial career begins in 1955 in Leipzig in
the former German Democratic Republic. His father is a commercial
photographer like his father before him. His family move to West
Germany’s heavily industrial Ruhr Valley a few months after
Andreas’s birth. In 1978 Gursky III commences his studies and the
renowned Folkwang School in Essen. Three years later he transfers to
the prestigious Kunstakademie in Düsseldorf. It is here that he
becomes Bernd and Hilla Becher’s Meisterschüler (master
student). This influential artist couple, who revolutionized art
photography with their formal, austere, documentary typologies of
vernacular industrial plant and period timbered dwellings, paved the
way to international renown for a number of students, including Candida
Höfer, Axel Hütte, Thomas Ruff, Jörg Sasse and Thomas
Struth.
Andreas Gursky started out with his
Pförtnerbilder—quasi-typological portraits of pairs of
security personnel in the lobbies of corporate office
buildings—which he took on his view camera. By the close of the
1980s he showed his large-format architectural and landscape pictures
at his first exhibition. He has annexed his own thematic territory with
each successive photograph: human loneliness in the crowd, modern
consumer fetishism, based (among other things) on the example of
endless, luxurious Prada shelf displays full of shoes, as well as the
panoramic shots of stock exchanges and the monstrous monumentality of
mass events such a boxing, pop concerts or political rallies.
Since 1992 Andreas Gursky has been utilizing
»advanced techniques«; he digitalizes his analogue
exposures and processes them on a computer. »In the beginning
they were just slight modifications made for compositional reasons. Now
there are complete, invented images comprising a diverse range of
detail and brought together to make a complex whole.«
As Andreas Gursky produces at most ten pictures per
year with six copies each, museums and collectors are obliged to
compete ferociously for every single work put out by this budding
»encyclopaedist«. Only a small group can ever hope to get
their hands on a photograph by the ultra-famous art photographer. The
pop icon Madonna belongs to this select coterie, as does the fashion
designer Tom Ford.
So much success and so much applause. Andreas Gursky
ought to be a happy man. His pictures don’t communicate any of
this though; instead they show the human being as a lonely creature
dissolving into the ornament of the masses. There are hundreds of
revelling young people in his panoramic tableau »Love
parade« (2001). Although love is high up on the agenda, most of
the participants seem to be avoiding intimate bodily contact. There is
supposedly only one couple in the whole parade that is actually kissing.
In
der »Süddeutschen Zeitung« schrieb Holger
Liebes nach
einem Gespräch mit Andreas Gursky in der Ausgabe (Nr. 21, S.
11)
vom 26. Januar 2007:
In weiter Ferne, so nah
Vom Nürburgring bis Nordkorea: Für seine neuen Bilder
ist
Adreas Gursky bis ans Ende der Welt gereist. Bald werden sie in
München gezeigt
Olmo macht sich über die Neue Nationalgalerie her –
oder ist
es Rocco? Jedenfalls schreddert eine der beiden rotgetigerten Katzen
von Andreas Gursky mit ihren Krallen das Pappmodell des Berliner
Ausstellungshauses, die Krümel verteilen sich quer durch den
Miniatursaal.
Besitzen Katzen doch einen siebten Sinn? Ursprünglich sollten
parallel zu Gurskys großer Retrospektive im Münchner
Haus
der Kunst, die am 17. Februar eröffnet wird, auch in der
Hauptstadt neue Werke des 52-jährigen Düsseldorfer
Fotografen
gezeigt werden. Doch das Geld fehlte – Gursky wollte massive
Wände in dem für Ausstellungszwecke eher minder
geeigneten
Glaskasten Mies van der Rohes einziehen lassen. Nun ist die Berliner
Schau erstmal »auf unbestimmte Zeit verschoben«,
wie die
verrräterische Formulierung lautet.
Mensch und Tier, ja sogar die unförmigen Architekturmodelle
zukünftiger Gursky-Präsentationen wie das der
Londoner
Galerie White Cube, in dem es sich locker ein Dutzend Katzen
gemütlich machen könnte, verlieren sich ein wenig im
geräumigen Hauptsaal der ehemaligen Fabrik. Gurskys Studio an
einer Oberkasseler Ausfallstraße ist selbst ein lupenreiner
white
cube, eine Mischung aus Museumszelle, Wartesaal und Loft, veredelt von
den Architekten Herzog & de Meuron. Er wohnt hier schon lange,
hat
das Haus vor Jahrzehnten billig erstanden, zusammen mit gleichfalls
berühmten Nachbarn wie Thomas Ruff.
Boxenstopp als Altarbild
Das Wohnatelier ist auch eine Art Repräsentationsort,
scheinbar
weit über funktionale Zwecke erhaben, bis zu fünf
Meter hoch,
mit einer enormen Terrasse, die auch als Laderampe für
LKW-Kunsttransporte dient – und dennoch ist der Hauptsaal
gerade
groß genug, dass Gurksy-Formate überhaupt in ihm
aufgehängt werden können.
Auf Gurskys fotografierten Weltlandschaften geht der Blick
nämlich
oft sehr weit in die Ferne, Menschen kommen in ihnen vorwiegend
massenhaft vor oder aber verlieren sich, kleine schwarze Striche, in
grandiosen Panoramen – und daher verlangen diese Bilder nach
Größe. Ach, was heißt schon
Größe: nach
epischem Ausmaß. Zwei auf dreieinhalb Meter: Das sind
Formate,
wie sie Alte Meister bemalt haben. Selbst in der National Gallery oder
in der Alten Pinakothek würden sie sich behaupten
können.
Genau aus diesem Grund ist Gursky vielen verdächtig.
Monumentalität und Gigantomanie wirft man ihm vor. Das
menschliche
Maß gehe verloren. Er sei im Grunde ein Maler mit Kamera
–
ein Maler des 19. Jahrhunderts, wohlgemerkt. Kann auch sein, dass es
nicht gerade auf Verständnis stößt, wenn
Gursky-Bilder
Höchstpreise erzielen, wie kürzlich der »99
cent-only«-Supermarkt, der für 2,48 Millionen Dollar
versteigert wurde. Darf Fotografie derart übermenschliche,
überirdische Dimensionen annehmen?
Gurskys neueste Bilder hängen, als Probedrucke für
die
Münchner Ausstellung, an den Atelierwänden. Ein
Massenaufmarsch als gymnastische Jubelfeier im nordkoreanischen
Pjöngjang, in einem Stadion. Ein Formel-eins-Boxenstopp als
Altarbild, in fahles Licht getaucht, jedes Chromdetail funkelt wie ein
Schmuckstück. Der Tour de France-Tross klettert, eine schier
endlose Schlange aus bunten Ameisen, Alpenserpentinen hoch. Doch an
welchem Berg? »Das kann man so nicht sagen. Das Bild soll
wirken,
als habe sich alles genau so ereignet. Doch eigentlich sind es zwei
Berge, der Col du Télégraphe und der Col du
Galibier. Ich
habe sie zusammenmontiert.« Die Montage ist nur zu erahnen.
Gursky bereist Gegenden, wo kaum ein Fotograf vor ihm war. Doch er ist
nicht die Vorhut der Tourismus- und Handybild-Industrie. Er geht auch
dorthin, wo ohnehin schon viele sind: zu einem Massen-Rave, in die
überfüllte Tokio Stock Exchange, ins
Gefängnis, zu
Autorennen. Es geht ihm vordergründig um Orte. »Ich
will
meine Motive so aussehen lassen, als könnte ich sie
überall
aufgenommen haben. Die Orte sollen nicht spezifisch beschrieben werden,
sondern eher wie Metaphern funktionieren. Es geht mir um globale
Perspektiven, um heutige Sozialutopien.« Wo immer sich
Gesellschaft zu Gemeinschaft verdichtet, ist Gursky
gegenwärtig.
Er fotografiert nicht, wie in der Tradition des Mediums, entscheidende
Augenblicke. Wenn mehrere »Zeitmomente«, wie er
sagt, sich
auf einem Bild simultan ereignen, digital montiert werden, wird es, so
glaubt er, allgemeingültiger, abstrakter. Wie bei dem neuen
Formel-eins-Zyklus.
Gescheiterte Weltflucht
Es sind Querformate, zwei Boxenstopps nebeneinander. Bis zu 25
Mechaniker in leuchtenden Uniformen, viel mehr als in der so genannten
Wirklichkeit, beugen sich über je einen Boliden, vor einem
Fond,
so schwarz wie Asphalt, wie die Nacht. Sie hegen und pflegen das
Gefährt, ihrerseits bestaunt von einer Menschenmenge hinter
Glas.
In einer Box gruppieren sich dieselben Mechaniker um einen Bildschirm;
sie verfolgen das Rennen. »Mein erstes rein digital
fotografiertes Bild; das Licht muss ja auf allen Aufnahmen identisch
sein. Vorher habe ich oft mit Plattenkameras gearbeitet, mit schwerem
Gerät. Diese Aufnahme ist aus vielen Detailszenen
zusammengesetzt,
es ist eine Melange der Strecke am Nürburgring und in
Shanghai.
Die verschiedenen Perspektiven habe ich eliminiert.«
Das Bild erinnert an Illustrationen aus einem Anatomiesaal, von weitem
auch an eine Pièta. Es ist eine Heilungsszenerie. Auch das
ist
ein typisches Manöver Gurskys: Er kann Massenszenen zu
überwältigender Größe aufblenden.
Aber mitten im
benzinschwangeren Motorenlärm, zu dem Hunderttausende pilgern,
findet er plötzlich wieder eine Art Gemeinschaftsideal der
Wenigen, einer Jüngerschar. Jahrelang hat er gebraucht, ist
der
Raserei-Industrie hinterhergereist, bis aus der Menge digitalen
Materials diese Szenen, es sind insgesamt vier Doppelbilder,
herausgefiltert wurden.
Natürlich hat Gursky Vorlieben bei der Auswahl seiner Motive,
den
Sport, die Musik. Oder die wie grüne Zähne aus dem
Ozean
ragenden Phi-Phi-Inseln bei Phuket. Er hat sie zu einer
düsteren
Gruppe bedrohlicher Kliffe montiert, die bis an den Horizont reichen
– denn das Touristenidyll ist längst auch ein
filmisches
Szenario gescheiterter Utopien der Weltbeherrschung und der Weltflucht.
Gursky zeigt auf einen der Urwald-Zahnstümpfe. »Hier
wurde
›Der Mann mit dem goldenen Colt‹ gedreht. Und
auch der
Film ›The Beach‹ spielt in der
Nähe.«
Vereinzelt sind sogar Menschen an den Stränden zu erkennen.
Aber
zunächst ist schwer fassbar, wie groß die Inseln
eigentlich
sind, fünf oder fünfzig Meter hoch. Sie bilden ein
Muster,
ein abstraktes Ornament. »Meine liebsten Bilder«,
sagt
Gursky, »sind die, auf denen eigentlich nichts dargestellt
ist,
wo einfach nur das Phänomen der Masse auftaucht.«
Und wo der
Makrokosmos auch ein Mikrokosmos sein könnte: Denn erst die
Larger-than-life-Abzüge führen zu dieser Irritation,
dass das
Riesiggroße womöglich eher das Winzigkleine ist.
Dass eine
graue Wüste in Wahrheit nur ein staubiger Teppich ist. Und
dass
das Erhabene vielleicht doch nur einen Krümel im Weltgeschehen
darstellt.
Irgendwann im vergangenen Jahr, erzählt der Künstler,
habe er
in einer Wissenschaftszeitschrift ein Bild gesehen, das ihn fasziniert
habe. Dann habe er einen japanischen Händler kennengelernt,
dessen
Schwester wiederum einen Nobelpreisträger kannte. Und so sei
er in
den Neutrino-Tank hineingekommen.
Ein atemberaubendes Foto. »Böcklin«, sagt
Gursky,
»die Toteninsel. Nicht wahr?« Man sieht winzige
Menschlein
in Schlauchbooten. Über ihnen: ein Dom aus Goldkugeln. So
sieht es
aus. Über dem Tank erheben sich tausend Meter Granitgestein.
Der
Ort, Kamiokande in Japan, ist so isoliert, dass nur die kleinsten
Elementarteilchen kosmischer Strahlung, die Neutrinos, hieingelangen.
So genannte »Foto-Mulitplyer«, geschützt
durch
Metallkugeln, erfassen diese Strahlung. Der wassergefüllte
Zylinder ist umgeben von Großrechnern. Ein unwirklicher Ort.
»Und man wird ihn nie wieder besuchen können. Ich
kam
hinein, als durch eine Kettenreaktion fast alle Kugeln geplatzt waren
und das Wasser kurzfristig abgelassen werden musste.« Wie
groß das Ganze ist? Achtzig Meter, sagt Gurksy. Wir
müssen
ihm glauben.
Propaganda als Religionsersatz
Gursky liebt Ordnung. Seine Bilder stellen eine Welt vor, die kollektiv
erfassbar sein soll. Er hat, mit großem Aufwand, nun auch die
Propagandafeiern Nordkoreas in Pjöngjang fotografiert.
Menschen,
massenhaft, im Stadion, die sich dank Farbtafeln zu
großflächigen Ornamenten formen. Von diesen Feiern
waren
bislang kaum Bilder außer Landes gedrungen. Wird er damit
nicht
auch zum Propagandisten eines kommunistischen Regimes? Er glorifiziere
und idealisiere ja nichts, sagt Gursky. »Bilder auf denen die
Propaganda allzu deutlich werden würde, wären
ungeeignet,
weil viel zu erzählerisch. Ich will nur schildern, dass es
hier
eine Art Religionsersatz, eine Inszenierung kollektiven Glücks
gibt, und wie sie aussieht. Und dass dies etwas Prototypisches
ist.«
Er meint noch, er wisse nicht, wie seine Pjöngjang-Aufnahmen
ankommen würden. Eines steht aber fest: Sie werden schon bald
zum
globalen Bilderschat gehören. Andreas Gursky ist der erste
Fotograf der Globalisierung. In jeder Hinsicht.
Holger Liebes in the »Süddeutschen Zeitung« (Nr. 21,
p. 11) on 26th January 2007 after an interview Andreas Gursky:
So far away, and yet so near
From the Nürburgring to North Korea: Andreas Gursky has travelled
to the ends of the earth to capture his new images. They will be on
show soon in Munich.
Olmo is attacking the new National Gallery, or is it Rocco? Anyway, one
of Andreas Gursky’s two ginger tortoiseshell cats is shredding a
cardboard model of the Berlin museum with its claws, the paper debris
is spread all over miniature hall. Do the cats have a sixth sense? New
works by the 52 year old Düsseldorf photographer Gursky were
originally to be exhibited in the capital in parallel to his big
retrospective opening on 17th February in Munich’s Haus der
Kunst. However, the funds ran out—Gursky wanted to erect massive
walls to exhibit his works in Mies van der Rohe’s somewhat less
well suited Glaskasten. The Berlin show has been »postponed
indefinitely«, as the telling phrase goes. Man and animal, indeed
even the shapeless architectural models of future Gursky presentations,
such as that for London’s White Cube gallery in which a dozen
cats could easily make themselves at home, are a bit lost in this
spacious main hall of the former factory. Gursky’s studio on one
of the main roads in Oberkassel is a pristine white cube itself, a
mixture of museum cell, waiting room and loft, impeccably decorated by
the architects Herzog & de Meuron. He’s been living here for
a long time now having first acquired the place at a snip decades ago,
along with his equally famous neighbour, Thomas Ruff.
Pit stop as an altar piece
The live-in studio is a kind of representational space, sublime way
beyond the purposes of functionality, five metres high with an enormous
patio, which also serves as a loading ramp for heavy goods lorries and
art transportation—and yet the main room is only just big enough
to accommodate Gursky-formats.
For when looking at Gursky’s global landscapes, one’s gaze
often strays into the far distance; in them, people are largely
represented as crowds or get lost as small black marks in magnificent
panoramas—and that is why these pictures demand certain
proportions. Did I say certain proportions? Epic proportions more like.
Two by three and a half metres: these are the formats used by the old
masters. They would be able to hold their own even in the National
Gallery or in the Old Pinakothek. For this reason alone many people are
suspicious of Gursky. He is reproached for indulging in monumentality
and gigantomania. They say the human scale gets lost; that he is a
painter with a camera—a 19th Century painter, mind you. Perhaps
it’s no surprise that people raise their eyebrows in disbelief at
the staggering prices Gursky’s works fetch at auction, such as
the »99 cent-only« supermarket, which went for $2,480,000
recently. Should photography be allowed to assume such superhuman,
superterrestrial dimensions?
Gursky’s most recent pictures are hanging on his studio wall as
test prints for the Munich exhibition. A mass rally as a gymnastic
celebration in a stadium in the North Korean Pyongyang. A Formula 1 pit
stop as altar piece submerged in pale light, every detail in the chrome
work sparkling like a piece of jewellery. The back markers of the Tour
de France ascending an snaking alpine pass like an endless line of
brightly coloured ants. But which mountain is it? »Well, that
doesn’t really apply. The picture is supposed to seem as if
everything has just happened. But in fact it’s two mountains, the
Col du Télégraphe and the Col du Galibier. I made a
montage out of the two.« Montage? What montage? You have to
imagine it for yourself.
Gursky visits places where a scarcely a photographer has been before
him. And yet he is not the vanguard of the tourism and the camera-phone
snapshot industry. He also goes to places where there are lots of
others congregate: a techno rave, the bustling Tokyo stock exchange,
prison, the motor racing track. On the surface of it he is concerned
with locations: »I want my motifs to look as though they could
have been taken anywhere. The locations are not intended to be
described specifically but to function more like metaphors. I am
interested in global perspectives in present-day social utopias.«
Wherever society is condensed to community, there you will find Gursky.
He doesn’t take photographs of the decisive moment in the
traditional way. In the event of several »temporal
moments«, as he calls them, happening in an image simultaneously,
being compiled in a digital montage, the whole thing
becomes—according to him— more general, more abstract. Like
his new Formula 1 cycle.
Failed escape from the world
Rectangular formats, two adjacent pit stops. Up to 25 mechanics in
dazzling uniforms, many more than in so-called reality, each one
bending over a bolid, in front of the rear end of the car, as black as
asphalt, black like the night. They pamper and care for the carriage
and are in turn watched by the transfixed gaze of the crowds behind
glass. A group of the mechanics is gathered in a pit around a screen;
they are watching the race. »It’s my first completely
digitally photographed image; the light has to be the same on all the
exposures. I used to work with view cameras, with heavy equipment. This
image is made up from several details of shots, it is a melange of the
track at the Nürburgring and in Shanghai. I eliminated the
different perspectives.«
The picture is reminiscent of illustrations from an anatomy theatre and
from a distance a pièta. It is a scene of healing. This too is
one of Gursky’s typical manoeuvres: he can enlarge mass scenes to
overwhelming dimensions. However, in the midst of howling engine noise
and the air pregnant with the stench of petroleum, which has the power
to draw hundred of thousands of people, he manages to find a kind of
communal idea of the few, a group of pilgrims. It took him years, he
has followed racing industry around the globe until he filtered out
these four double images from the mass of digital material.
Of course, Gursky does have his favourites among his selection of
motifs, namely sport and music. Or the Phi Phi Islands near Phuket,
sticking up out of the sea like green molars. He has made a montage out
of various images of them, making them appear like a group of
tenebrous, menacing cliffs reaching off to the horizon—as for
some time now this tourist idyll has been the cinematographic backdrop
for failed utopias of world domination and escape from the world.
Gursky points to one of the densely wooded tooth-stumps: »This is
where they filmed ›The Man with the Golden Gun‹. The film
›The Beach‹ was filmed nearby, too. People can also be
recognized individually on the beaches. But at first it is difficult to
apprehend just how big the islands are, five or fifty metres high. They
form a pattern, an abstract ornament. »My favourite
pictures« so says Gursky, »are the ones where there is
nothing much represented, where just the phenomenon of the crowd
appears.« And where the macrocosm could be the microcosm: for it
is the larger-than-life prints that lead to this confusion that the
colossally big is possibly really only very tiny. That a grey desert is
in reality a dusty carpet. Or that the sublime is really only a spec
amidst the flux of global experience. Sometime last year the artist
said he was fascinated by an image he had seen in a science journal. He
then got to know a Japanese dealer whose sister knew a Nobel Prize
winner. And incredibly, this is how he gained access to the Kamioka
neutrino tank.
A breathtaking photograph: »Böcklin«, says Gursky,
»The Island of the Dead, don’t you think?« It is
possible to make out tiny forms in dinghies. Above them: a cathedral of
golden spheres. At least that's what it looks like. Above the tank
there’s a thousand metres of granite. The
location—Kamiokande in Japan—is so isolated that only the
tiniest elementary particles of cosmic rays¬—the
neutrino—can penetrate it. The so-called photomultiplier tubes
protected by metal spheres capture these rays. The cylinder filled with
water is surrounded by supercomputers. An unreal place. »And no
one will be able to visit it ever again. I entered just before a chain
reaction caused all the tubes to implode and the water to be
drained.« How big is it? 80 metres, says Gursky. We’ll have
to take his word for it.
Propaganda as ersatz Religion
Gursky loves order. His pictures present a world that is supposed to be
apprehended collectively. He has now photographed North Korea’s
massive propaganda celebrations in Pyongyang. People en masse in a
stadium, who, by means of coloured boards, form themselves into large
surface ornaments. Hardly any photographs from these celebrations have
ever emerged. Doesn’t that make him a propagandist for a
communist regime? Gursky says that he has glorified and idealised
nothing. »Pictures in which propaganda would be all too apparent
would be unsuitable because they would have too great a narrative
angle. I want to illustrate the fact that this is an ersatz religion
here, a staging of collective happiness, and I want to capture its
aspect. And that this has something prototypical about it.«
He still maintains that he doesn’t know how his Pyongyang images
will be received. One thing is for sure: they will soon belong to the
global trove of images. Andreas Gursky is the first photographer of
globalization. In every regard.
In
der »Welt am Sonntag« schrieb Christiane
Hoffmans nach einem Gespräch mit Andreas Gursky in der Ausgabe
(Nr. 4, S.
66/67) vom 28. Januar 2007:
Große
Bilder, hohe Preise: Wie Andreas Gursky zum weltweit teuersten
Fotografen wurde
Er
ist ein Star. Seine Werke werden bei Kunstliebhabern und
Finanzinvestoren immer beliebter. Wie kein anderer gestaltet Andreas
Gursky
seine Bilder ebenso komplex wie dekorativ. Im Februar zeigt das Haus
der Kunst
in München eine umfassende Retrospektive.
Langsam
füllt Andreas Gursky die aufgeschlagene Milch in zwei kleine
Gläser. Dabei achtet er gewissenhaft darauf, dass der
weiße Schaum sich nicht
zu schnell mit dem dunkelbraunen Kaffee vermischt.
Schließlich soll der
Capuccino genauso aussehen, wie man sich einen Capuccino vorstellt. Da
erlaubt
sich der Künstler keine Eskapaden. Für seine Kunst
hingegen wagt er viel: Er
fliegt mit dem Helikopter, steigt in Baukräne, steht an
Rennstreckenzäunen,
kämpft mit Behörden, ringt mit Agenten. Gursky will
die besten Bilder, und
dafür braucht er auch die besten Standorte. Kompromisse geht
er nicht ein.
Und
die Ergebnisse geben ihm recht: Überwältigend
schöne Bilder von
Konzerten, Boxkämpfen, Börsenplätzen,
Supermärkten, Rennstrecken machten den
53-jährigen Künstler berühmt. Die sechs- und
manchmal siebenstelligen Preise,
die seit einigen Jahren bei Auktionen für ein Gursky-Foto
gezahlt werden,
machten ihn sogar populär.
Jetzt
richtet ihm das Haus der Kunst in München eine große
Retrospektive
aus. Nachdem Gursky 2001 eine Ausstellung im MoMa in New York hatte,
ist sie
die erste in Deutschland seit neuen Jahren. Zwar sollte zeitgleich auch
in der
Berliner Nationalgalerie eine Ausstellung stattfinden, doch die ist
nicht
zustande gekommen. Das ist gut für Gurskys Katzen. Denn sie
durften das Modell
der Nationalgalerie, das im Düsseldorfer Atelier des
Künstlers steht, besetzen
und haben die ersten Wände bereits zerfleddert.
Hingegen
ist das Modell des Hauses der Kunst unversehrt. Gursky hat es
schon bestückt, hat den Modellräumen die auf ein
winziges Format verkleinerten
Kunstwerke zugeordnet. Mit seinen Fingern schiebt er die Foto-Zwerge
wie in
einer Puppenstube von Raum zu Raum. Hängen nicht vielleicht zu
viele
Nordkoreafotos in dem mittleren Raum, will er wissen und entfernt ein
Minifoto.
Die
Nordkorefotos beschäftigen Gursky zurzeit sehr. Es handelt
sich um
Aufnahmen des Sport- und Kunstfestivals Arirang, das zu Ehren des
Staatsgründers Kim Il-sung veranstaltet wird. Dabei erstellen
Tausende Akteure
lebende Bilder, Choreografien, die ständig wechseln. Jeden
Abend erleben 40 000
Zuschauer diese ästhetisch aufbereiteten Aufmärsche.
Genau dieses optisch
reizvolle Massenspektakel fasziniert Gursky. Seine Fotos verdeutlichen
das:
Dekorativ wie Zuckerbäckerfigürchen auf einer
Marzipantorte reihen sich die
Turnerinnen und Turner aneinander.
Das
Interesse des Künstlers an diesem Motiv, so scheint es, gilt
allein
der Oberfläche. Nach politischen Hintergründen,
gesellschaftlichen
Zusammenhängen fragt Gursky nicht. Denn er versteht sich nicht
als politischer
Künstler, sondern als »Seismograf«, als
einer, der gesellschaftliche
Erscheinungsformen mit den Augen erspürt und
künstlerisch umsetzt. Bewertungen
nehme er mit seiner Kunst grundsätzlich nicht vor, sagt Gurksy.
Seit
vielen Jahren sucht der Fotograf nach Motiven, die
gemeinschaftliche Erfahrungen und Weltauffassung symbolisieren. Das
können
Boxkämpfe, Flughäfen, Formel-1-Rennen, Konzerte oder
eben auch nordkoreanische
Festivals sein. Sein populärstes Bild ist sicher das eines
Konzerts der
amerikanischen Sängerin Madonna. Hierfür
fotografierte Gursky verschiedene
Szenen ihrer Bühnenshow und führte sie
später zu einer einzigen Aufnahme
zusammen. Das Kunstwerk, das Gursky dann am Bildschirm komponierte,
gibt als
nur vor, eine Momentaufnahme zu sein. Mit dieser Methode arbeitet er
seit dem
Aufkommen der digitalen Bildbearbeitung Anfang der 90er Jahre. Seither
ist für
ihn der geglückte »Schnappschuss«
passé.
Aber
ist die Wirkung eines Gursky-Fotos deshalb so anders als die einer
traditionellen, einer klassischen Momentaufnahme? Die Frage muss
unbedingt mit
Ja beantwortet werden. Schon weil dem Betrachter vor einem Gursky-Foto
schlecht
werden kann. Der Grund dafür liegt zum einen an der
Größe. Bis auf riesenhafte
zwei mal fünf Meter druckt er seine Arbeiten. Aber die
körperliche Reaktion,
die diese Bilder auslösen, resultiert vor allem aus ihrer
Multiperspektive. Das
heißt, die Werke folgen nicht den klassischen Regeln der
Perspektive, es gibt
darin keinen direkten Bezugspunkt, keinen Ruhepunkt für das
Auge. Zudem
wechselt munter Auf- und Untersicht wie bei einer Achterbahnfahrt.
Wegen
seiner collagenhaften Arbeitsmethode wurde Gursky häufig mit
einem
Maler verglichen, doch der Vergleich hinkt. Eigentlich arbeitet der
Fotograf
wie ein Schriftsteller, der die Eindrücke unterschiedlicher
Zeitebenen zu einem
einzigen opulent-barocken Motiv verdichten kann. »Ich
überzeichne, akzentuiere
die Wirklichkeit, denn es gibt ja keine objektive Wirklichkeit, nur die
subjektive Sicht darauf«, sagt Gursky.
Die
Räume seines Ateliers eigneten sich überhaupt nicht
für ein
Gursky-Foto. Hier fehlt die Opulenz, die seinen Fotos den eigentlichen
Kick
gibt. Das ehemalige Umspannwerk ist eher mönchisch karg.
Weiß getünchte Wände,
ein schwarzer Boden, wenige Möbel und kaltes Deckenlicht. Dass
sich hinter den
üppigen, sinnenfreudigen Fotos Gurskys ein derart spartanisch
zurückhaltender
Mensch verbirgt, wer hätte das gedacht?
Vielleicht
gibt er deshalb gern Gas auf Partys, besucht Popkonzerte,
hängt mit Freunden in der »Harpune« ab,
seinem Lieblingsclub im Düsseldorfer
Hafen. Dass er mit dem Formel-1-Teamchef von Ferrari, Jean Todt, und
der
Sängerin Madonna befreundet ist, hängt er nicht an
die große Glocke. Nur dass
Todt ihm ermöglicht habe, Aufnahmen am Boxenstopp zu machen
und die Rennstrecke
in Bahrain zu fotografieren, das erzählt er dann schon. Dass
er beim
Madonna-Konzert in Düsseldorf neben der Bühne parken
durfte, behält er lieber
für sich. Madonna hat er einiges zu verdanken. Als
Kunstsammlerin hat auch sie
Gursky-Arbeiten. Und wenn Madonna und Jean Todt Gurskys Kunst sammeln
– ja dann
blickt die Welt der Sammler und Spekulanten auf den
Düsseldorfer Fotografen.
Das
treibt natürlich die Marktpreise in die Höhe. Als
2001 das erste Mal
eines seiner Fotos, »Montparnasse«, für
einen hohen sechsstelligen Betrag
versteigert wurde, war Gursky auf Gran Canaria. »Damals
kosteten die Arbeiten
bei meiner Galeristin Monika Sprüth noch deutlich
weniger«, sagt Gursky. Heute
kosten sie zwischen 200 000 und 250 000 Dollar. Tendenz steigend, denn
im
vergangenen Jahr wurde das Supermarkfoto »99 cent,
II« für rund 2,4 Millionen
Dollar bei Phillips de Pury in New York versteigert und ist damit das
teuerste
Foto eines lebenden Künstlers.
Doch
trotz des Erfolgs, oder vielleicht gerade deswegen, ist die
Preisgestaltung für Gurskys Galeristen Monika Sprüth
und Matthew Marks
schwierig. Denn verkauften sie heute ein neues Bild zu einem moderaten
–
sechsstelligen – Preis, fänden sie es nur wenige
Monate später in einem
Auktionskatalog – allerdings zu einem deutlich
höheren, möglicherweise
siebenstelligen angeboten. Daher wird auch sehr genau
überlegt, wer Bilder
kaufen darf und wer nicht. Was den Markt zusätzlich anheizt:
Der Künstler
produziert selten mehr als zehn Motive pro Jahr, und von jedem Motiv
gibt es
nur sechs Abzüge.
Ob
der Erfolg seinen Lebensstil verändert habe? Das gesteht er
freimütig
ein. Ihn jedoch nicht, er sei immer noch ein bodenständiger
Mensch. Was immer
das für einen Künstler bedeutet, der sich sein
Atelier von dem Schweizer
Architektenduo Herzog und de Meuron umbauen lässt und mit
seinem Maserati
durchs Rheinland sprintet.
Dabei
gehört Andreas Gursky eigentlich der gesellschaftskritischen
68er-Generation an. Zumindest fühlt sich der 1955 Geborene ihr
zugehörig. Wie
damals vielen jungen Menschen waren auch ihm die kapitalistischen Werte
der
deutschen Nachkriegsgesellschaft verdächtig. Er verweigerte
nach dem Abitur den
Kriegsdienst. Statt Dienst an der Waffe zu tun, betreute er
Dialyse-Patienten.
Das allerdings half ihm bei seiner Berufsfindung auch nicht weiter.
Gursky
wusste nur, was er nicht wollte: die Tradition seiner Familie
fortführen. Sein
Großvater Hans war Fotograf in Leipzig. Dort wurde Gursky
auch geboren. Sein
Vater Willy unterhielt nach der Flucht aus der DDR ein Atelier
für
Werbefotografie – das war auch so ein rotes Tuch für
die 68er-Generation.
Dass
Gursky sich dann doch noch für die Fotografie entschied, lag
an
einem Freund, der ihm sagte, er solle doch an der Folkwang-Hochschule
in Essen
künstlerische Fotografie studieren. Als Fotojournalist, so war
Gurskys naive
Vorstellung, wollte er für die Hochglanzmagazine Reportagen
machen. Doch davon
leben konnte er nicht, das wurde ihm schnell klar. Der Schritt an die
Düsseldorfer Akademie, an der Bernd und Hilla Becher
unterrichteten, war dann
der entscheidende. Die Bechers gelten als die Pioniere der Fotografie
in
Deutschland.
In
ihrer Klasse traf er Thomas Ruff, Thomas Struth und Axel
Hütte.
Gemeinsam experimentierten sie mit Farbe. Das widersprach zwar dem
Schwarz-Weiß-Dogma ihrer Lehrer, war aber entscheidend
für die künstlerische
Entwicklung der Gruppe. Und die Becher-Schüler hatten noch
eine Idee. Sie
vergrößerten ihre Fotos auf bis dahin unvorstellbare
Maße. Damit sind sie alle
berühmt geworden. Dass Andreas Gursky der berühmteste
Becher-Schüler ist, liegt
vielleicht daran, dass er keine Bedenken hat, seine Werke auch mal
opulent
dekorativ zu gestalten. Seinen Vater wird das sicher freuen, und der
Kunstmarkt
dankt es ihm.
Andreas
Gursky, 17. Februar bis 13. Mai 2007, Haus der Kunst München,
Prinzregentenstraße 1, zur Ausstellung erscheint im
Snoeck-Verlag ein
vortrefflicher Katalog.