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Achtung, Provinz!
Welt im Kleinen: Die Kleinplastik-Triennale in Fellbach
erschrickt die Städter
Vladimir Arkhipov, studierter Ingenieur und Künstler, weiß um die Erfindungsgabe der Bastler. In Kellern und Garagen spürt er ihr nach und fördert Allerseltsamstes zutage: Einer befestigt eine Klobürste auf einer Bohrmaschine, um damit Nüsse zu schrubben, ein anderer verwandelt eine alte Kupferwärmflasche in einen Eierwärmer für den Frühstückstisch und rüstet einen Handhobel fix zur Möhrenraspel um. So entstehen, eher spontan und absichtslos als kalkuliert, lauter Unikate, die vieles sind, nur keine Waren. Was aus einer oft kruden Mischung aus geduldiger Handarbeit und künstlerischem Esprit hervorgeht, das löst die wirklich drängenden Probleme und zeugt von jeder Menge Erfahrungswissen. Hier scheint es lebendig geblieben zu sein, das innige Interesse an den Dingen. Und glaubt man Matthias Winzen, so wird im Bastelkeller spielerisch eine tiefe ontologische Krise bearbeitet: die unserer zerfallenden Beziehungen zu den Dingen.
»Triennale Kleinplastik«, der Name der Veranstaltung ist schon seit längerem wenig hilfreich. Denn was einst mit Bozetti, Modellen und Maquetten in Verbindung gebracht und noch in den achtziger Jahren in der Stadthalle zwischen Stellwänden mehr schlecht als recht präsentiert wurde, hat sich, wie alle Gattungen und Unterabteilungen, aufgelöst. Schon vor drei Jahren, als Jean-Christophe Ammann die Schau verantwortete, passte nur weniges in die Schablone Kleinplastik. Zugleich werden viele glauben: Fellbach, das ist tiefste Provinz; ergo kann dort auch keine wichtige Ausstellung stattfinden. Doch erstens sind es in diesem Kunstsommer die Zentren der Kunst, die enttäuschten, zweitens hat die Veranstaltung eine fast so lange Tradition wie die »Skulptur Projekte Münster«, und drittens würde eine Ausstellung, wie sie Matthias Winzen und Nicole Fritz zusammengestellt haben, sofort jene Aufmerksamkeit finden, die ihr gebührt – fände sie nicht im Speckgürtel von Stuttgart und in einer alten Weinkelter statt, sondern in den Berlinzer Kunst-Werken oder im K21 in Düsseldorf. Denn sie bietet nicht nur 56 künstlerische Positionen von Althamer bis Wohnseifer und Beuys bis Zmijewski, sondern bindet diese in anregende Überlegungen zu der gerade beginnenden Debatte über eine zeitgenössische Skulptur.
Die Dinge, so lautet die Hauptthese, tun nicht länger ihren Dienst. Sie sind dem Subjekt kein anderes, kein Widerpart mehr, in dem es sich spiegelt, sondern lediglich Waren. Also findet das Subjekt nicht mehr zu sich selbst. Auf diese Krise des Dingbezugs antwortet die zeitgenössische Skulptur: »Die Entwertung des einzelnen Dings und damit aller Dinghaftigkeit bedeutet die Entwertung von allem«, schreibt Winzen. Und er fügt hinzu: »Der körperlosen Verflachung des Alltagsraumes in digitaler Zweidimensionalität entspricht die Leibvergessenheit von auf das Visuelle reduzierten Wahrnehmungsgewohnheiten.«
Auch wenn der kulturkritische Überbau gelegentlich etwas pathetisch gerät, die These hat einiges für sich und erklärt obendrein, weshalb die Skulptur eine gewisse historische Dringlichkeit auf ihrer Seite weiß. Indem Skulptur sodann auf dem Einzelnen und Konkreten im Hier und Jetzt beharrt, sich nicht nur an das isolierte Auge, sondern an den ganzen Leib wendet, entfaltet sie ein widerständiges Potential und steigert die Aufmerksamkeit für die Dinge.
Da die Kuratoren davon überzeugt sind, dass die neue Skulptur sich nicht aus der Tradition herleiten lässt, dienen Werke von Joseph Beuys, Louise Bourgeois und Paul Thek eher als Referenzpunkte eines freien skulpturalen Denkens denn als Maßstäbe, denen es nachzueifern gilt. Versammelt werden unter dem mehrdeutigen Titel »Bodycheck« sodann in ihrer Versehrtheit posierende Tierkörperhybride von Berlinde De Bruyckere ebenso wie ironische Spiele mit dem kreativen Prozess, wie sie etwa Stafan Demary mit Hilfe handelsüblicher Figürchen von Karate- und Shaolin-Kämpfern als Kampf mit dem Material inszeniert. Der Bogen ist weit gespannt: Ist es bei Stephan Balkenhol der konstitutive Zusammenhang von Subjekt und Ding, Menschenähnlichkeit und hölzerner Starre, der die Skulptur prägt, so holen Paul McCarthys groteske »Piratenköpfe« all das an die Oberfläche, was Hollywoods Piratenfilme verschweigen. Wenn die Nase zum Penis und das Ohr zur Vagina mutiert, kehrt nicht nur Verdrängtes mitten im Gesicht wieder; die freie, keinem zivilisierenden Gesetz unterworfene Triebhaftigkeit wird überdies zum Gegenbild des Infantilen, das eine Unterhaltungsindustrie prägt, die für den Karneval der Exzesse weder ein Organ noch Sinn für deren Humor hat.
Ob Warenschwemm oder Körperformatierung, rätselhafte
Maschinen oder verletzte Kotflügel, Bodyshape oder Fetischismus, die Kunst
konfrontiert mit der Anwesenheit der Dinge, irritiert ein naives
Körperbewusstsein oder untergräbt die Sicherheit, mit der wir die Dinge
gewöhnlich sortieren. So findet, wenn Mária Chilf Geldbörsen wie kleine
Klappaltäre öffnet und ihr individuelles Innenleben mit Foto, Briefmarke und
Talisman freilegt, im gefalteten Schutzraum eine behutsame Resubjektivierung
der Warendinge statt. Und wenn Johannes Wohnseifer das Modellhafte als faules
Versprechen auf die Zukunft entlarvt, indem er Mies van der Rohes berühmten
»Barcelona-Pavillon« mit der Architektur eines McDonald’s-Restaurants
kombiniert, dann beschreibt er nicht nur die abschüssige Bahn eines
Modernismus, dessen Entwicklung vom rationalen zum rationellen Bauen führte.
Das Modell als Bild macht auch klar: Schluss mit Kleinplastik. Es lebe die
Skulptur.
Thomas
Wagner, FAZ Sat. 4 August 2007, p. 36:
The
world on a small scale: the Small Sculpture Triennial in Fellbach frightens the
city dwellers