info | kontakt
biblio
Es gibt in Günther Förgs Schaffen eine gewisse Chronologie: wann er eine
bestimmte Strategie zum ersten Mal benutzte, und was darauf folgte. Doch hat
sie angesichts seiner Arbeitsweise wenig Bedeutung. Mondrian hat, wie es
scheint, in seiner abstrakten Phase eine Variation nach der anderen gemacht,
stets jeweils präziser als die vorherige. In seiner Kunst gibt es den Gedanken
des Fortschritts. Günther Förg dagegen dreht Kreise. Es gibt also keinen Grund,
weshalb ein bestimmter Entwurf nicht noch einmal zur Anwendung kommen sollte.
Bei jeder neuen Anwendung eines Entwurfs werden neue Wirkungen zutage treten,
die als bildnerisches Wissen in sein stets wachsendes Repertoire eingehen. Man
betrachte zum Beispiel folgenden Entwurf: gemalte Raster aus recht kurzen,
einander kreuzenden Linien. Die Raster können lose oder kompakt, farblich reich
oder karg sein. Schließlich kann man auch die Länge der Linien variieren oder
Fragmente verschiedener Raster lose und aufs Geratewohl zu einer Art Collage
kombinieren. In der vor kurzem gezeigten Züricher Ausstellung sah ich auch ein
Gemälde mit einem sehr dichten Raster in flammendem Rot, leuchtend wie ich es
noch nie zuvor gesehen hatte. Eine weitere neue Erfindung: Offenbar ist die
Rastermethode auf die entspannte Art, wie Günther Förg sie einsetzt,
unerschöpflich. Er ist ein Abenteurer. Die frühen abstrakten Meister hatten den
Drang, ihre Praxis zu kontrollieren. Sie waren sehr umsichtig, Mondrian und
Malewitsch. Aus ihren Schriften wissen wir, in welch hohem Maße sie ihre Kunst
als spirituell betrachteten. Sie brauchten dieses Bestätigungsgefühl.
Schwitters und Mirò waren weniger prinzipiengebunden, trugen aber noch immer
als Verantwortung die philosophische Besonderheit mit sich, abstrakte Kunst zu
machen. Um keines dieser Hemmnisse kümmert sich Günther Förg. Deshalb ist er in
seinem lakonischen Entwerfen von Bildkonstruktionen in der Lage, das gesamte
Spektrum an visueller Reichhaltigkeit aufzufalten und durchzuführen, das allein
abstrakte Kunst bieten kann.
Nach einer langen Laufbahn in geometrischer Kunst begann sein großer
Kollege Sol Lewitt, farbenfrohe Zeichnungen mit ausschwingenden, wogenden
Linien anzufertigen. Ein Verstoß gegen das Prinzip? Das war es, was manche
Kritiker dachten: Sol sei auf Abwege geraten. Warum, fragten sie? Sol schwieg
kurz und sagte dann: Warum nicht? In der Tat. An dieser Stelle ist, auch in
Günther Förgs Werk, die abstrakte Kunst, die grandiose moderne Erfindung,
angekommen – bei der umfassenden, unbeschränkten, furchtlosen Handhabe über
alle ihre Mittel und Wege.
Rudi Fuchs


Fearless Förg
There is some chronology in Günther Förg’s work: when he used a certain
stratagem for the first time and what then came next. But with his way of
working, that makes little sense. Mondrian, in his abstract phase, seemed to
have made one variation after another, each one more precise than the previous
one. There is this sense of progress in his art. Instead, Günther Förg circles
around. There is no reason then why a certain plot cannot be used again. In
each new use of a plot new effects will reveal themselves that, as pictorial
knowledge, become part of his ever growing repertoire. Look, for instance, at
this plot: painting grids of fairly short crossing lines. The grids can be
loose or dense, rich or frugal in colour. Eventually one can also vary the
length of lines or one can loosely combine, randomly, fragments of different
grids in some sort of collage. Then, in the recent Zürich exhibition I saw a
painting with a very dense grid in flaming red, intense as I had never seen
before. Another new invention: apparently the grid method, in the relaxed way
Günther Förg employs it, is inexhaustible. He is an adventurer. It was the
instinct of the early abstract masters to control their practice. They were
very cautious, Mondrian and Malevich. From their writing we know how much they
saw their art as deeply spiritual. They needed that sense of comfort. Schwitters
and Mirò were less principled but still carried with them, as a responsibility,
the philosophic specialness of making abstract art. None of such inhibitions
bother Günther Förg. Therefore he was able, laconically plotting constructions
for pictures, to open up and realize the entire spectre of visual richness that
only abstract art can offer.
After a long career in geometric art, his great colleague Sol Lewitt
began to make colourful drawings with swerving, undulating lines. A lapse of
principle? That is what some critics thought: that Sol had gone astray. Why,
they asked. Sol was briefly silent and then said: Why not? Indeed. That is
where, also in Günther Förg’s work, abstract art, the great modern invention,
has finally arrived–at the total, unrestricted, fearless command of all its
ways and means.
Rudi
Fuchs