Nicht abgeholt, nicht angekommen
Die Schau »All-Inclusive« in Frankfurt
Tourismus kommt ohne Bilder nicht aus. Hier Sehenswürdigkeiten,
da Hotels und Swimmingpools, dort ein händchenhaltendes Paar vor einem glühend
roten Himmel: Der hochglänzend gedruckte Dreiklang von Sonne, Sand und einander
Näherkommen bestimmt nicht nur die eigenen Fotoalben sowie die Veranstalterkataloge,
sondern in solchem Maße auch die Plakatdekorationen der Touristenmessen, dass
man sich in den Schauhallen der mithin größten Industrie der Welt zugleich in
einer Kunstausstellung wähnen kann.
Die Frankfurter Schirn geht den umgekehrten Weg. Mit Arbeiten
von dreißig Künstlern zum Thema Urlaub und Reisen wird die Ausstellung
»All-Inclusive« zur Messe für Weltenbummler. Vor Stolpersteinen sei gewarnt.
Nicht alles, was glänzt, verspricht Erholung, und wer in Franz Ackermanns
Installation zwischen müllhaldentauglichen Bergen von Reiseprospekten und dem
Geflimmer etlicher Bildschirme Platz genommen hat, möchte vielleicht lieber
ganz schnell nach Hause gehen, statt in exotische Gefilde zu entfliehen. So ist
das eben, wenn Künstler sich mit Kapitalismus und Konsum, Globalisierung und
Kulturimperialismus beschäftigen. Natürlich ist der Ansatz der von Matthias
Ulrich kuratierten Schau kritisch. Wenn wir Urlaubsanlagen sehen wie in dem
Bild-Essay von Reiner Riedler, dann rückt stets ein Moment von Unbehagen mit in
die Farbfotografie, ob nun ein Himmel gemalt ist oder sich Baufahrzeuge über
den Zaun einer Strandbar recken. Und wenn sich, wie bei Michael Elmgreen &
Ingar Dragset, auf einem Gepäckband eine einzige Tasche im Kreise dreht, ahnen
wir, dass wir gemeint sind: als Verlorene – nicht abgeholt, nicht angekommen.
Ja, müssen wir uns dann ehrlicherweise fragen, was eigentlich versprechen wir
uns von der Fremde? Die Ausstellung will darauf keine Antwort geben; im
Gegenteil. Sie verweist nur auf jene Komplexität des permanenten Wechsels
kultureller und nationaler Identitäten, der sich zwangsläufig ergibt, wenn
Milliarden von Menschen reisen, von dem wir aber auch vor dem
Ausstellungsbesuch schon ahnten, dass es ihn gibt. Statt neuer Thesen also eine
alte Erkenntnis – für die Santiago Serra mit einem Banner über einem
mallorquinischen Strand 2001 (in der Schau ein Foto) nur zwei Wörter brauchte:
»Inländer raus«.
Den
Auftakt der Rubrik »Pre View:« der Zeitschrift
MONOPOL, Nr. 1/2008, S. 110, macht Silke Hohmanns Beitrag zu
»«All inclusive (wir dokumentieren):
Alle
wollen verreisen, keiner ist gerne Tourist:
Eine Ausstellung in der
Frankfurter Schirn untersucht das Fernweh und seine Folgen.
Das Dilemma des modernen Menschen: Er braucht Urlaub. Dabei will er
sowohl sehr viel Erholung als auch ganz große Abwechslung.
Dumm nur, dass sich das vollkommen widerspricht. Er will etwas ganz
Individuelles erleben – wie alle anderen auch. Und selbst
wenn er mit Digitalkamera und Softeis an der Strandpromenade steht,
will er eins niemals sein: ein Tourist.
Tourismus ist vieles:
eine Sehnsucht, ein Wirtschaftszweig, ein Klischee. Und ab dem 30.
Januar auch eine Ausstellung. Der Schirn-Kurator Matthias Ulrich hat
verschiedene Werke der Gegenwartskunst zum Thema zusammengetragen. Die
Künstlerliste besteht aus Namen wie Kris Martin, Elmgreen
& Dragset, Jonathan Monk, Tracey Moffatt, Guy Ben-Ner, und die
Werke kreisen um Themen wie Individualität, Wunschwelten,
Scheitern am Ideal. Und um den ganz normalen Reisehorror: Michael
Elmgreens und Ingar Dragsets unaufhörlich im Kreis fahrende
Reisetasche auf dem Kofferband (Titel:
»Uncollected«) vereint viele Facetten von
Urlaubsstress. Verlorenes Gepäck, Flugverspätung
wegen verdächtiger herrenloser Koffer und auch das
Immergleiche, sich stets Wiederholende beim Reisen: Egal, wo man war,
man kommt immer am selben alten Gepäckförderband
wieder raus – Erfahrungen vom Fließband, egal wie
einzigartig sie gewesen sein mögen. Tourismus ist eben auch
Desillusionierung.
Die Menschen auf Martin Parrs Fotografien
sind noch nicht so weit. Ihr Zwei-Sterne-DZ-HP-Status erscheint ihnen
als weitgehend unproblematisch. Die Eingeölten und Krebsroten,
die Sonnenhutträger und Pommesesser kommen gerade recht
für ein amüsiertes Naserümpfen. Sie sind die
perfekten Feindbilder, wenn man eher der Typ ist, der sich im Urlaub
angestrengt als Einheimischer auszugeben versucht. Parrs Bilder sind
ein großes, buntes Büffett der
Pauschalverurteilungen des Pauschalurlaubers.
Aber
heißt es nicht, dass man an aderen immer genau das besonders
hasst, was man an sich selbst am wenigsten mag? Steckt im Lacher
über die anderen nicht immer auch ein klammheimliches,
verschämtes bisschen Selbsterkenntnis? Mann kann
natürlich auch in den eigenen vier Wänden den
reinsten Erlebnispark aufbauen und ein All-inclusive-Paradies zum
Beispiel in der Küche einrichten: Guy Ben-Ner hat sich dort
eine winzige einsame Insel gebaut, wie man sie aus Bildwitzen kennt.
Mit einer einzigen Palme. Von dort aus erreicht er spielend alles, was
man im Urlaub so wichtig findet: Essen und kühle
Getränke zum Beispiel. Ganz ohne Heimweh mit den Zehen im Sand
buddeln: Ben-Ner hat einfach das Fremde aus den Ferien verbannt, und
das sieht recht gemütlich aus. Jonathan Monk hingegen scheint
in seiner Serie »Holiday Paintings« vorzuschlagen:
Werden Sie doch einfach Weltbürger, bleiben Sie schön
zu Hause und sammeln Sie Kunst. Denn die nachgemalten Bilder von
handgeschriebenen Last-Minute-Anzeigen kosten jeweils genauso viel, wie
die Reise gekostet hätte: »Costa Blanca. 14 nights,
self catering: 159 (Pfund)«. Monk bringt die Vergeblichkeit
der Sehnsüchte auch mit einer anderen Arbeit auf den Punkt:
Ein an jedem Tag der Ausstellung ein bisschen mehr verbalssendes Dia
kommentiert nicht nur die zum Scheitern verurteilte Reproduktion von
Sehenswürdigkeiten, sondern auch die von Gefühlen:
»Today is just a copy of yesterday
(holiday).«
Ja, sicher: Das Scheitern reist immer
mit. Es sei denn, man setzt sich ganz konkrete Ziele wie die Figuren
bei der Fotokünstlerin Tracey Moffat, die in ihren
Fotolovestories gezielt erotische Abenteuer mit Kapitänen und
anderen Uniformierten ansteuern. Oder man hat gar nichts auf der
Agenda, wie die sinnlos klappernde Flughafenanzeigetafel von Kris
Martin, auf der keine einzige Information abzulesen ist. Lassen Sie
sich treiben und die Seele baumeln. Und vor allem lassen Sie Ihr
Gepäck nicht unbeaufsichtigt.
Silke Hohmann’s report on »All inclusive« sets the
ball rolling under the heading »Pre View:« in the magazine
MONOPOL, No. 1/2008, p. 110:
Everyone likes to travel, nobody wants to be a tourist:
An exhibition at the Schirn Kunsthalle in Frankfurt examines the phenomenon of wanderlust and its consequences
The dilemma of modern man: he needs a holiday. In so doing he needs
both a great deal of rest and a lot of change. The only problem is that
these two categories are mutually exclusive. He wants to experience
something individual — just like everybody else. And even if he
is on the prom with a digital camera an a Mr. Whippy in his hand,
there’s one thing he still doesn’t want to be: a tourist.
Tourism is a lot of things: a yearning, a branch of industry, a
cliché. The curator at the Shirn, Matthias Ulrich, has compiled
a number of different works from the world of contemporary art on the
subject. The roster of participating artists includes names such as
Kris Martin, Elmgreen & Dragset, Jonathan Monk, Tracey Moffatt, Guy
Ben-Ner and the works revolve around subjects such as individuality,
desired worlds, falling short of the ideal. And of course the
bog-standard travel nightmare: Michael Elmgreens and Ingar
Dragset’s suitcase perpetually circling on the baggage carousel
(Title: »Uncollected«) combines many facets of the stress
involved in travelling. Lost luggage, delays because of an unclaimed
piece of baggage and the monotony and repetitiousness when travelling:
regardless of where one has been, you still end up at the baggage
carousel — assembly line experiences, irrespective of how unique
it might have been. Tourism is also disillusionment.
The people on Martin Parr’s photographs haven’t got that
far yet. Their two star, all-inclusive status seems largely
unproblematic to them. The lotioned-up, barbequed, sunhat-wearing,
chip-eating lobsters are just the thing for that aloof, amused, sniffy
attitude. They are the perfect figures of hatred if you are the type of
person who likes to go native when on holiday and pretend to one of the
people. Parr’s images provide a large, bright buffet of package
prejudice of the package holidaymaker.
But isn’t it the case that one particularly hates the things in
others that one likes least about oneself? Isn’t there a trace of
covert, ashamed self-knowledge in every bit of mocking laughter we aim
at others?
Of course it is possible to erect ones very own pure theme park of
experience in the privacy of one’s own four walls and create
– for example – an all-inclusive paradise in the kitchen:
Guy Ben-Ner has built himself a miniscule desert island there
reminiscent of the cartoon variety — with a solitary palm tree.
From that vantage point he can playfully reach everything that is
considered important about holidays: food and cold drinks, for example.
Digging in the sand with ones toes without the slightest feelings of
homesickness: Ben-Ner has removed the alien quality from holidays and
it looks mighty cosy, too. Jonathan Monk by contrast seems to be saying
in his series »Holiday Paintings«: become a citizen of the
world, stay at home and collect art. For the copied paintings of
hand-written last minute ads cost as much as a trip would have
cost:»Costa Blanca. 14 nights, self catering: £159«.
Monk highlights the futility of yearning with another work: A slightly
paler projection slide from one day to the next during the exhibition
not only comments on the predestined failure involved in trying to
reproduce the sights, but also in the reproduction of feelings:
»Today is just a copy of yesterday (holiday)«.
Yes, sure: failure is always a fellow traveller. Unless of course one
sets oneself concrete goals rather like the figures in the work of
photo artist Tracey Moffat, whose photographic love stories are geared
towards expressly erotic adventures between captains and other people
in uniforms. Or there is no agenda at all, as in Kris Martin’s
senselessly clattering airport notice board from which it is impossible
to glean any information. Let yourself go and your spirit dangle.
However, please do not leave your luggage unattended.
