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Im »Reiseblatt« der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, Nr. 26 vom 31.01.2008, S. R10, schreibt Fredy Langer (wir dokumentieren):

Nicht abgeholt, nicht angekommen
Die Schau »All-Inclusive« in Frankfurt

Tourismus kommt ohne Bilder nicht aus. Hier Sehenswürdigkeiten, da Hotels und Swimmingpools, dort ein händchenhaltendes Paar vor einem glühend roten Himmel: Der hochglänzend gedruckte Dreiklang von Sonne, Sand und einander Näherkommen bestimmt nicht nur die eigenen Fotoalben sowie die Veranstalterkataloge, sondern in solchem Maße auch die Plakatdekorationen der Touristenmessen, dass man sich in den Schauhallen der mithin größten Industrie der Welt zugleich in einer Kunstausstellung wähnen kann.

Die Frankfurter Schirn geht den umgekehrten Weg. Mit Arbeiten von dreißig Künstlern zum Thema Urlaub und Reisen wird die Ausstellung »All-Inclusive« zur Messe für Weltenbummler. Vor Stolpersteinen sei gewarnt. Nicht alles, was glänzt, verspricht Erholung, und wer in Franz Ackermanns Installation zwischen müllhaldentauglichen Bergen von Reiseprospekten und dem Geflimmer etlicher Bildschirme Platz genommen hat, möchte vielleicht lieber ganz schnell nach Hause gehen, statt in exotische Gefilde zu entfliehen. So ist das eben, wenn Künstler sich mit Kapitalismus und Konsum, Globalisierung und Kulturimperialismus beschäftigen. Natürlich ist der Ansatz der von Matthias Ulrich kuratierten Schau kritisch. Wenn wir Urlaubsanlagen sehen wie in dem Bild-Essay von Reiner Riedler, dann rückt stets ein Moment von Unbehagen mit in die Farbfotografie, ob nun ein Himmel gemalt ist oder sich Baufahrzeuge über den Zaun einer Strandbar recken. Und wenn sich, wie bei Michael Elmgreen & Ingar Dragset, auf einem Gepäckband eine einzige Tasche im Kreise dreht, ahnen wir, dass wir gemeint sind: als Verlorene – nicht abgeholt, nicht angekommen. Ja, müssen wir uns dann ehrlicherweise fragen, was eigentlich versprechen wir uns von der Fremde? Die Ausstellung will darauf keine Antwort geben; im Gegenteil. Sie verweist nur auf jene Komplexität des permanenten Wechsels kultureller und nationaler Identitäten, der sich zwangsläufig ergibt, wenn Milliarden von Menschen reisen, von dem wir aber auch vor dem Ausstellungsbesuch schon ahnten, dass es ihn gibt. Statt neuer Thesen also eine alte Erkenntnis – für die Santiago Serra mit einem Banner über einem mallorquinischen Strand 2001 (in der Schau ein Foto) nur zwei Wörter brauchte: »Inländer raus«.



Den Auftakt der Rubrik »Pre View:« der Zeitschrift MONOPOL, Nr. 1/2008, S. 110, macht Silke Hohmanns Beitrag zu »«All inclusive (wir dokumentieren):

Alle wollen verreisen, keiner ist gerne Tourist:
Eine Ausstellung in der Frankfurter Schirn untersucht das Fernweh und seine Folgen.

Das Dilemma des modernen Menschen: Er braucht Urlaub. Dabei will er sowohl sehr viel Erholung als auch ganz große Abwechslung. Dumm nur, dass sich das vollkommen widerspricht. Er will etwas ganz Individuelles erleben – wie alle anderen auch. Und selbst wenn er mit Digitalkamera und Softeis an der Strandpromenade steht, will er eins niemals sein: ein Tourist. 

Tourismus ist vieles: eine Sehnsucht, ein Wirtschaftszweig, ein Klischee. Und ab dem 30. Januar auch eine Ausstellung. Der Schirn-Kurator Matthias Ulrich hat verschiedene Werke der Gegenwartskunst zum Thema zusammengetragen. Die Künstlerliste besteht aus Namen wie Kris Martin, Elmgreen & Dragset, Jonathan Monk, Tracey Moffatt, Guy Ben-Ner, und die Werke kreisen um Themen wie Individualität, Wunschwelten, Scheitern am Ideal. Und um den ganz normalen Reisehorror: Michael Elmgreens und Ingar Dragsets unaufhörlich im Kreis fahrende Reisetasche auf dem Kofferband (Titel: »Uncollected«) vereint viele Facetten von Urlaubsstress. Verlorenes Gepäck, Flugverspätung wegen verdächtiger herrenloser Koffer und auch das Immergleiche, sich stets Wiederholende beim Reisen: Egal, wo man war, man kommt immer am selben alten Gepäckförderband wieder raus – Erfahrungen vom Fließband, egal wie einzigartig sie gewesen sein mögen. Tourismus ist eben auch Desillusionierung. 

Die Menschen auf Martin Parrs Fotografien sind noch nicht so weit. Ihr Zwei-Sterne-DZ-HP-Status erscheint ihnen als weitgehend unproblematisch. Die Eingeölten und Krebsroten, die Sonnenhutträger und Pommesesser kommen gerade recht für ein amüsiertes Naserümpfen. Sie sind die perfekten Feindbilder, wenn man eher der Typ ist, der sich im Urlaub angestrengt als Einheimischer auszugeben versucht. Parrs Bilder sind ein großes, buntes Büffett der Pauschalverurteilungen des Pauschalurlaubers. 

Aber heißt es nicht, dass man an aderen immer genau das besonders hasst, was man an sich selbst am wenigsten mag? Steckt im Lacher über die anderen nicht immer auch ein klammheimliches, verschämtes bisschen Selbsterkenntnis?  Mann kann natürlich auch in den eigenen vier Wänden den reinsten Erlebnispark aufbauen und ein All-inclusive-Paradies zum Beispiel in der Küche einrichten: Guy Ben-Ner hat sich dort eine winzige einsame Insel gebaut, wie man sie aus Bildwitzen kennt. Mit einer einzigen Palme. Von dort aus erreicht er spielend alles, was man im Urlaub so wichtig findet: Essen und kühle Getränke zum Beispiel. Ganz ohne Heimweh mit den Zehen im Sand buddeln: Ben-Ner hat einfach das Fremde aus den Ferien verbannt, und das sieht recht gemütlich aus. Jonathan Monk hingegen scheint in seiner Serie »Holiday Paintings« vorzuschlagen: Werden Sie doch einfach Weltbürger, bleiben Sie schön zu Hause und sammeln Sie Kunst. Denn die nachgemalten Bilder von handgeschriebenen Last-Minute-Anzeigen kosten jeweils genauso viel, wie die Reise gekostet hätte: »Costa Blanca. 14 nights, self catering: 159 (Pfund)«. Monk bringt die Vergeblichkeit der Sehnsüchte auch mit einer anderen Arbeit auf den Punkt: Ein an jedem Tag der Ausstellung ein bisschen mehr verbalssendes Dia kommentiert nicht nur die zum Scheitern verurteilte Reproduktion von Sehenswürdigkeiten, sondern auch die von Gefühlen: »Today is just a copy of yesterday (holiday).«

Ja, sicher: Das Scheitern reist immer mit. Es sei denn, man setzt sich ganz konkrete Ziele wie die Figuren bei der Fotokünstlerin Tracey Moffat, die in ihren Fotolovestories gezielt erotische Abenteuer mit Kapitänen und anderen Uniformierten ansteuern. Oder man hat gar nichts auf der Agenda, wie die sinnlos klappernde Flughafenanzeigetafel von Kris Martin, auf der keine einzige Information abzulesen ist. Lassen Sie sich treiben und die Seele baumeln. Und vor allem lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt.




Silke Hohmann’s report on »All inclusive« sets the ball rolling under the heading »Pre View:« in the magazine MONOPOL, No. 1/2008, p. 110:

Everyone likes to travel, nobody wants to be a tourist:
An exhibition at the Schirn Kunsthalle in Frankfurt examines the phenomenon of wanderlust and its consequences

The dilemma of modern man: he needs a holiday. In so doing he needs both a great deal of rest and a lot of change. The only problem is that these two categories are mutually exclusive. He wants to experience something individual — just like everybody else. And even if he is on the prom with a digital camera an a Mr. Whippy in his hand, there’s one thing he still doesn’t want to be: a tourist.

Tourism is a lot of things: a yearning, a branch of industry, a cliché. The curator at the Shirn, Matthias Ulrich, has compiled a number of different works from the world of contemporary art on the subject. The roster of participating artists includes names such as Kris Martin, Elmgreen & Dragset, Jonathan Monk, Tracey Moffatt, Guy Ben-Ner and the works revolve around subjects such as individuality, desired worlds, falling short of the ideal. And of course the bog-standard travel nightmare: Michael Elmgreens and Ingar Dragset’s suitcase perpetually circling on the baggage carousel (Title: »Uncollected«) combines many facets of the stress involved in travelling. Lost luggage, delays because of an unclaimed piece of baggage and the monotony and repetitiousness when travelling: regardless of where one has been, you still end up at the baggage carousel — assembly line experiences, irrespective of how unique it might have been. Tourism is also disillusionment.


The people on Martin Parr’s photographs haven’t got that far yet. Their two star, all-inclusive status seems largely unproblematic to them. The lotioned-up, barbequed, sunhat-wearing, chip-eating lobsters are just the thing for that aloof, amused, sniffy attitude. They are the perfect figures of hatred if you are the type of person who likes to go native when on holiday and pretend to one of the people. Parr’s images provide a large, bright buffet of package prejudice of the package holidaymaker.
 
But isn’t it the case that one particularly hates the things in others that one likes least about oneself? Isn’t there a trace of covert, ashamed self-knowledge in every bit of mocking laughter we aim at others?

Of course it is possible to erect ones very own pure theme park of experience in the privacy of one’s own four walls and create – for example – an all-inclusive paradise in the kitchen: Guy Ben-Ner has built himself a miniscule desert island there reminiscent of the cartoon variety — with a solitary palm tree. From that vantage point he can playfully reach everything that is considered important about holidays: food and cold drinks, for example. Digging in the sand with ones toes without the slightest feelings of homesickness: Ben-Ner has removed the alien quality from holidays and it looks mighty cosy, too. Jonathan Monk by contrast seems to be saying in his series »Holiday Paintings«: become a citizen of the world, stay at home and collect art. For the copied paintings of hand-written last minute ads cost as much as a trip would have cost:»Costa Blanca. 14 nights, self catering: £159«. Monk highlights the futility of yearning with another work: A slightly paler projection slide from one day to the next during the exhibition not only comments on the predestined failure involved in trying to reproduce the sights, but also in the reproduction of feelings: »Today is just a copy of yesterday (holiday)«.

Yes, sure: failure is always a fellow traveller. Unless of course one sets oneself concrete goals rather like the figures in the work of photo artist Tracey Moffat, whose photographic love stories are geared towards expressly erotic adventures between captains and other people in uniforms. Or there is no agenda at all, as in Kris Martin’s senselessly clattering airport notice board from which it is impossible to glean any information. Let yourself go and your spirit dangle. However, please do not leave your luggage unattended.


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