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In ART vom 9.September 2008 schreibt Michael Köhler (wir dokumentieren):

In der der »Süddeutschen Zeitung« vom 9. September 2008 schreibt Till Briegleb, wir dokumentieren:
Zurück zur D-Mark
Themenpark der Krise: Christoph Büchels Deutschlandreise im Kasseler Fridericianum
Bei Mäc Geiz im Fridericianum Kassel sondiert ein
Punker-Pärchen mit T-Shirts der Pogo-Partei das Angebot.
»Schau mal«, ruft sie begeistert aus, »hier gibt es
Pitti-Katzenmilch!« Aber der Punktergatte mit dem
tätowierten Christenkreuz auf dem Oberarm ist anderer Meinung:
»Schokolade würde viel mehr rocken als
Gummibärchen«, murmelt er vor sich hin.
Ein Stockwerk darüber spricht ein Vertreter der NPD zu feindlich
gesinnten Zuhörern über seinen Kummer, dass niemand mit ihm
diskutieren möchte, und erklärt schließlich: »Die
mulitkulturelle Gesellschaft ist ein Massengrab«, wofür er
sich den Spottgesang anhören muss: »Du siehst nicht arisch
aus.«
Man mag sich fragen: Wo bin ich hier zu Besuch? Markenstolze
Anarchisten sowie Volksideologen, die sich freiwillig verspotten
lassen? Ja, ist denn schon Karneval? Denn auch die anderen Parteien,
die hier anzutreffen sind, verfolgen aberwitzige Anliegen: zurück
zur D-Mark oder entschädigungslose Rückgabe von Schlesien und
Ostpreußen etwa, Wunder ohne Wirtschaft, Weltfrieden, höhere
Steuern für die Reichen oder eine spirituelle Politik. Ein Chor
der Splitterparteien ruft in Kassel nach einem Neuanfang für
Deutschland, doch so konträr die Ziele sind, als Praktikanten der
Aufklärung klingen sie alle gleich dissonant.
Wer nicht grundsätzlich mit kunstgewöhnten Augen unterwegs
ist, dürfte von dieser Politik-Messe und ihren
Begleitumständen etwas irritiert sein. Vor der Fassade des
klassizistischen Musterbaus liegt ein Bombenfindling, und ein Bauschild
erklärt, dass der Ostflügel des Museums in ein Arbeitsamt
umgebaut wird. Über dem Eingang, den schon Millionen
Documenta-Besucher passiert haben, hängt das Firmenschild des
ostdeutschen Super-Discounters MäcGeiz, und hinter der Tür
verlangen dessen rot uniformierte Kassiererinnen Museumseintritt. Da
machen bereits die meisten Besucher verwirrt wieder kehrt, obwohl vom
Top-Dog-Hundekuchen bis zum Sponge-Bob-Untersetzer alles echt verkauft
wird.
Im Atrium steht dann ein haushoher Weihnachtsbaum in einer Spielhalle,
die Balustraden sind verkleidet mit Plakaten deutscher Weltfirmen,
dahinter sind eine Tourismus-Messe der Neuen Deutschen Länder, ein
Solarium und ein Fitnessstudio aufgebaut – alles voll
funktionstüchtig. Nur das Islamische Zentrum Kassel ist leider
geschlossen. Schnell wird es obskur. Zwischen zerschmetterten
Glasvitrinen und einer toten Taube führt der Parcours durch einen
mit Brettern vernagelten Saal zu einem Pausenraum. Alte
Zeitungsausschnitte über spektakuläre Documenta-Aktionen
dekorieren diesen akribisch inszenierten Reliquienschrein der
Arbeiterklasse ebenso wie volle Aschenbecher, tote Yucapalmen und ein
Schäferhundporträt, gemalt von Adolf Hitler.
Auch die Hausmeisterwohnung rekapituliert die Volkskunde der
Gemütlichkeit mit Plüschsesseln, Dürers Kaninchen,
Spruchweisheiten, einem Fernseher, auf dem das 74er-WM-Finale
läuft, und vestaubten Goetheschillershakespeare-Best-of-Ausgaben.
Nur ist durch die Wohnung einen graue Mauer gezogen, die auch Bett,
Küche und Badewanne teilt. Hier stößt man nun
buchstäblich mit dem Kopf an die Metapher für ein geteiltes
Land: ein Bild, das der Schweizer Künstler Christoph Büchel
durch den ganzen Museumsbau spielt.
Stasi und Kegelbahn
Büchel ist in den vergangenen Jahren durch Inszenierungen
berühmt geworden, die Denk- und Erlebnis-Routinen mit frechen
Aktionen abrupt unterbrechen. In Salzburg führte er ein
Bürgerbegehren gegen zeitgenössische Kunst zum Erfolg, in
Hannover fror er das Equipment einer Punktband nach ihrem Konzert ein,
in Kopenhagen komponierte er eine »Dritte Welt« aus
Sweatshop, Porno, Recycling und informeller Wirtschaft, und in
Zürich verwandte er sein Budget dazu, einen Scheck über diese
Summe in den Ausstellungsräumen zu verstecken. »Deutsche
Grammatik«, so der Titel der Kassler Schau, der sich auf das Werk
Jacob Grimms bezieht, das dieser als Bibliothekar des Fridericianums
1818 begonnen hatte, thematisiert nun die Routine Deutscher Einheit.
Kassel, eine Stadt, die vor Jahren noch eine Arbeitslosenquote aufwies,
wie man sie sonst nur von ostdeutschen Kommunen kennt, ist durchaus
geeignet, um an die Träume und Traumata der Wiedervereinigung zu
erinnern. Die Versprechen des Konsums und die Realitäten der Armut
sind nämlich das vermutlich Nachhaltigste, was durch die Wende
vereint wurde. Und die Sehnsucht nach Verdrängung der
dazugehörigen Geschichte und Verantwortung, die sich seit Jahren
in der Öffentlichkeit verbreitet, lässt die DDR heute ferner
erscheinen als das Dritte Reich.
Da kommt ein fremder Blick gerade recht. Denn der Schweizer Büchel
inszeniert für die Antrittsausstellung des neuen
holländischen Direktors Rein Wolfs in Kassel nicht nur ein
Debattenwochenende zu Deutscher Politik, dem die großen Parteien
wegen der Teilnahme der NPD sowie wegen der einheitlichen
Darstellungsmöglichkeit aller 114 zugelassenen Parteien –
»ohne Rücksicht auf Bedeutung und Ernsthaftigkeit«,
wie FDP-Bundesgeschäftsführer Hans-Jürgen Beerfeltz sich
mokierte – ferngeblieben sind. Im Zentrum des monumentalen
Deutschlandporträts steht die Rekonstruktion des
Stasiakten-Puzzles, wie es nach der Wende auf einer Leipziger Kegelbahn
begann.
Für 700 Euro erwarb Büchel bei Ebay eine solche Sportanlage,
plünderte ein leerstehendes Kasseler Hotel und baute mit einem
Heer an Helfern eine finster-rustikale Kneipenanlage mit Festsaal,
Küche und Toiletten ins Fridericianum. Der Versuch der
ostdeutschen Bürgerbewegung, aus handzerrissenen
Hinterlassenschaften der Staatssicherheit deutsche Individualgeschichte
zu rekonstruieren, wird in all seinen Aggregatzuständen
inszeniert. Tausende Säcke stapeln sich in dem Festsaal, auf den
Herdstellen, zwischen Urinalen und Lebensmitteln. Was Büchel
für die Stasiaufarbeitung mühsam rekonstruiert hat, bekommt
er von der Demokratie-Messe frei Haus geliefert: Die Stände der
Politesoteriker werden so konserviert, wie sie nach dem Ende des
Stelldicheins verlassen wurden.
Die große Krise innerdeutscher Solidarität und der
Monotheismus des Konsums, die Büchel uns hier als unsere
»Grammatik« vorführt, finden hinter dem Schild McGeiz
ein herrliches Muster moderner Tristesse. Und auch das Monumentale der
Inszenierung ist ja dem deutschen Wesen nicht ganz fremd. Als
großer Freizeitpark »Deutsche Grammatik« sollte diese
Ausstellung unbedingt ins touristische Busprogramm aufgenommen werden.