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In der Zeitschrift "art" für den November 2008 schreibt Regina Ehleiter, wir dokumentieren:

Familientreffen der Holzmänner
In den Deichtorhallen hat der deutsche Bildhauer seinen großen Auftritt.

Er beschränke sich "bewusst in gewisser Hinsicht, weil ich es satt habe, diesem ständigen Bedürfnis nach Neuem gerecht zu werden", schrieb Stephan Balkenhol in sinem 1992 erschienenen Künstlerbuch "Über Menschen und Skulpturen". Die Motive des 1957 in Fritzlar geborenen Künstlers und Professors an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe haben hohen Wiedererkennungswert. Balkenhol schlägt oder meißelt Skulpturen aus Holz. Grob bearbeitet und farbig bemalt, erheben sich die Männer und Frauen aus ihren Holzsockeln, stehen neben Tieren oder allein vor einfachen, meist architektonischen Gebilden wie einer Treppe, einer Tür oder einer Säule.

Anders als klassische Herrschaftsdenkmäler oder prominent platzierte Monumente, entdeckt man Balkenhols oft humorvoll installierte Skulpturen im Außenraum manchmal eher zufällig: die Bojenfiguren, die einsam schaukelnd auf dem Wasser treiben, der "Mann mit grünem Hemd und weißer Hose", der seit den "Skulptur Projekten Münster" 1987 vor einer unverputzten Backsteinwand in zwei Metern Höhe auf einem kleinen Sockel steht, oder der "Mann mit Giraffe" (2000) vor Hagenbecks Tierpark in Hamburg. Letztere ist eine von sechs großen Skulpturen, die, über ganz Hamburg verteilt, dafür sorgen, dass der Künstler in der Öffentlichkeit sehr präsent ist.

Als eine Art "Familientreffen" hat Robert Fleck, Direktor der Deichtorhallen, die Hamburger Retrospektive beschrieben. Balkenhol, der von 1976 bis 1982 an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg studiert und noch bis 1992 in dieser Stadt gelebt und gearbeitet hat, kehrt mit der Ausstellung in den Deichtorhallen zu seinen Ursprüngen zurück. Für die Wiederbegegnung mit seinem Frühwerk hat Balkenhol selbst einen thematischen Ausstellungsparcours für die 3000 Quadratmeter großen Deichtorhallen entworfen und zeigt dort auch etwa 30 neue Arbeiten. Ebenfalls vertreten sind die Holzreliefs, die im Hauptraum der Ausstellung gezeigt werden. Daneben gibt es eigene Räume für die Arbeiten zu den Themen "Musik", "Spiel" und "Tier". So kommt alles zusammen - eben wie bei einem Familientreffen.



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In der Zeitschrift "Weltkunst" für den Oktober 2008 schreibt Ulla Fölsing, wir dokumentieren:

Rückkehr zum genius loci

Die bunte, siebeneinhalb Meter hohe Bronze-Giraffe mit dem lebensgroßen Mann an ihrem Hals (1991) vor Hagenbecks Tierpark kennt jedes Kind in Hamburg, Stephan Balkenhols vier Bojenfiguren auf Elbe und Außenalster (1993) sowie das wuchtige Paar (2004) vor dem Hühnerposten fast jeder Erwachsene. Wenige Schritte von dem Mann-Frau-Duo entfernt verstärken jetzt zwei brandneue, lebensgroße Keramiken am Backstein-Giebel der Deichtorhalle die Skulpturen-Parade im öffentlichen Raum. Der "Mann mit ausgebreiteten Armen" an der Vorderfront lädt als alter ego des Künstlers demonstrativ ins Innere der postmodernen vormaligen Markthalle ein. Dort hat Deutschlands renommiertester Bildhauer auf rund 3000 Quadratmeter höchstpersönlich einen weiten Parcours von 120 seiner Holzskulpturen, Reliefs, Wandbilder und Zeichnungen installiert.

Mit seinen entgegen klassischer Tradition bewusst grob gehauenen, farbig bemalten Menschen, Tieren und großen Gegenständen öffnete der heute als Kunstprofessor in Karlsruhe Lehrende vor gut zwei Jahrzehnten Minimal Art und Konzeptkunst zu berührend verhaltener Emotionalität. Seine Rückkehr nach Hamburg in einer umfassenden Werkschau mobilisierte bei dem inzwischen 51-jährigen sichtbar eigene Emotionen. Denn in der Hansestadt hat der Künstler zehn Jahre gelebt, studiert und erstmals bei Publikum, Sammlern und öffentlichen Auftraggebern reüssiert. Der "genius loci" inspirierte ihn auch nun, als er wichtige frühe Arbeiten konsequent in einen Dialog mit 30 in den letzten Jahren speziell für Hamburg geschaffenen, neuen Figuren setzte. Fröhlich Wiedersehen feiern lässt sich im übrigen in Balkenhols Inszenierung mit legendären Tier-Gestalten wie seinem "Kuhkopf" (1983), dem "Löwen" (1984) und den "57 Pinguinen" (1991).



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In der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" vom 16.11.2008 schreibt Jürgen Hohmeyer, wir dokumentieren:

Und plötzlich tritt die Frau aus dem Baum
In Hamburg eröffnet eine große Ausstellung des deutschen Bildhauers Stephan Balkenhol


Bis vor drei Wochen war das nichts weiter als ein Baumstamm. Ein Prachtstück von Douglasie allerdings, hundert Jahre lang im Bergwald um das lothringische Dorf Meisenthal zu einem Durchmesser von rund einem Meter herangewachsen, dann gefällt und an der Straße beim Anwesen des Bildhauers Stephan Balkenhol gelagert. Der hat schließlich Gabelstapler und Kettensäge aus dem Schuppen geholt, gut zwei Meter Stamm abgetrennt, den tonnenschweren Zylinder in einer Halle aufgerichtet und wieder die Säge angesetzt, um von der oberen Hälfte vier Segmente senkrecht abzuschneiden. Auf zwei der freigelegten Flächen hat er dann mit knappen Kreidelinien Frontalansicht und Profil eines knienden Frauenaktes skizziert - die Ahnung einer Gestalt, wie sie sich so oder ähnlich wohl in jedem Stück Holz verbirgt, das dem Künstler in die Hände gerät.

Nun kniet sie da. In vollem Volumen, mit seltsam faserig-rauher Oberfläche und sparsamer Bemalung nimmt sie auf ihrem Sockel, dem unteren Baumstamm-Teil, idolhaft die Mitte eines pavillonartig abgegrenzten Raumes ein. Wer sie als Betrachter umschreitet, hat schon Gesellschaft: Aus den Ecken richten auch vier kleinere männliche Statuen in weißen Hemden und schwarzen Hosen ihre Blicke auf die Nackte. Einer verdreht zaghaft Hals und Augen. Ein Kabinett der Voyeure also? Das wäre Balkenhol zu eindeutig. Lieber spricht er von einer Ordnung im Raum. Die aber natürlich ein Beziehungsnetz zwischen Kunstfiguren spinnt. Stimmig bildet die gerade rechtzeitig vollendete Inszenierung eine Art Zellkern jenes ausschweifenden Panoptikums, das der Bildhauer seit Freitag in der Hamburger Deichtorhalle zeigt - Resümee einer 26-jährigen Produktion an deren Ausgangsort. Balkenhol 1957 in der hessischen Kleinstadt Fritzlar geboren, hatte nach Schulzeiten in Luxemburg und Kassel beim minimalistischen Steine-Spalter Ulrich Rückriem an der Hamburger Kunsthochschule studiert und mit einer kühnen Konversion zur figürlichen Skulptur sogar seinen Lehrer überzeugt. Viele frühe Arbeiten sind in Hamburger Privatsammlungen hängen geblieben, in Hamburger öffentlichen Gewässern dümpeln vier hölzerne Mannsbilder auf Flachwasserbojen. Der Karrierestart des jungen Bildhauers lässt sich präzise auf den Kölner Kunstmarkt 1983 datieren: Aus einer Förderkoje kaufte Großsammler Peter Ludwig die überlebensgroßen "Köpfe Mann und Frau", während eine kleine "Männliche Figur" in die Berliner Nationalgalerie ging. Heute lehrt Balkenhol als Akademieprofessor in Karlsruhe, arbeitet dort und, rund hundert Kilometer westwärts, im ländlichen Meisenthal, plant ein weiteres Atelier in Berlin und bringt es im Extremfall auf 140 - streng eingenhändige - Skulpturen im Jahr. Um Absatz braucht er sich kaum zu sorgen. Ein Erfolgskünstler, durchaus mit dem Risiko, dass ungebremste Fans etwa seine "57 Pinguine" von 1991 schlicht niedlich finden. Die Hamburger Ausstellung fächert nun aber einen erstaunlichen Reichtum an Motiven, Techniken und Arrangements auf. Bildhafte, in Holzflächen eingetiefte und diskret kolorierte Reliefs verblüffen als Veduten ("Grindelhochhäuser") oder schlagen einen Bogen von Chaplins "Modern Times" zu Max-Ernst-Frottagen ("Im Maschinenraum").

Und was für Typen sind das nur, die Balkenhols Welt bevölkern? Von Kurt Tucholsky stammt die schlagende Sprachformel für die Mimik professioneller Diskretion: Wenn sich der Patient zur ärztlichen Untersuchung entblößen muss, macht die Sprechstundenhilfe "kein Gesicht". Genau das, kein Gesicht zu machen, scheint eine Hauptbeschäftigung balkenholscher Figuren zu sein. Sie wirken uniform, dabei jedoch ungemein zivil. Alle tragen sie, mit angedeutetem Schmollmund, einen schlafwandlerischen bis bekifften Gleichmut zur Schau, und auch Gestikulieren liegt ihnen in der Regel fern. Jeder Betrachter soll sich in solchen "Platzhaltern" oder "Stellvertretern" spiegeln können. Ausdruckskraft beziehen die Figuren eher von ihrer Herkunft aus dem Wald. Holz, nicht das einzige, wohl aber vorherrschende Material, bürgt für Knorrigkeit, bestimmt die Farbnuance des Inkarnats und kann mit durchwachsenen Ästen Gesichter wie durch Muttermale oder Warzen entstellen. Und wenn eine Figur aus dem Stamm befreit ist, so bleibt der doch als Zylinderform und kompakte Masse unvergessen: Sockel und ihm entsprießende Skulptur sind meist aus einem Stück.

Vom Trompe-l'oeil-Realismus eine Amerikaner wie Duane Hanson unterscheiden sich Balkenhols lebensgroße Figuren jedenfalls ebenso grundsätzlich wie von klassischen oder akademischen Vorläufern, und nur aus erheblicher Distanz sind Exemplare im Fluss oder hoch an einen Hauswand als hilfsbedürftige Selbstmordkandidaten misszuverstehen, wie angeblich in London und in Münster vorgekommen.